Worte die begleiten

von Birgit Schürmann

Worte die begleiten

Stephanie Patzelt ist Bestatterin und Trauerrednerin. Mir fällt auf, wie positiv sie über ihre Arbeit spricht. In unserem Gespräch erzählt sie aus ihrem Alltag als Trauerrednerin:

 

Halten alle Bestatter auch Trauerreden?

Bestatter und Trauerredner sind zwei verschiedene Berufe. Die Trauernden kommen ins Institut und sprechen über ihr Anliegen. Sie suchen entweder einen weltlichen Trauerredner, der keiner Religion angehört oder einen Pfarrer. Wir Bestatter organisieren die Feier.

 

Du warst zuerst Bestatterin und bist dann auch Trauerrednerin geworden. Wann hast Du Dich dafür entschieden, auch Trauerreden zu halten?

Durch meine Arbeit am Bestattungsinstitut war ich oft auf Trauerfeiern und habe gemerkt: Das kann ich auch und ich will es anders machen. Ich habe am Institut nicht Vollzeit gearbeitet und hatte daher auch zeitlich die Möglichkeit, Trauerreden zu halten.

Dann habe ich es meinen Freunden erzählt und aus meinem Freundeskreis kam dann auch die erste Anfrage: Kannst Du die Trauerrede halten?

Dann dachte ich: Gut, jetzt gibt´s kein zurück mehr.

 

Was macht Deiner Meinung nach einen guten Trauerredner aus?

Für einen Trauerredner ist es wichtig, laut und deutlich sprechen zu können. Auf keinen Fall darf man die Namen verwechseln! Die Informationen, die mir zugetragen werden, fasse ich zu einem Lebenslauf zusammen, zu einer guten Geschichte bzw. zu der Lebensgeschichte des Menschen.

 

Welchen Sinn hat Deiner Meinung nach eine Rede bei einer Trauerfeier?

Vielleicht lässt es sich ganz gut durch meine erste Trauerrede beschreiben: Es starb jemand, der einen großen Bekanntenkreis hatte und eine Bar geführt hat. Ich fuhr zu der Bar und wir haben alle zusammen gesessen. Wir haben zusammen getrunken, alle haben erzählt, sich gemeinsam erinnert und ich habe die Informationen gesammelt.

Die Trauerrede ist ein schönes Ritual, um gemeinsam Abschied zu nehmen und sich von dem Materiellen - damit meine ich die Urne oder den Sarg - zu verabschieden und damit einen Abschluss zu finden.

 

Wie bereitest Du Deine Reden vor? Was ist Dir wichtig?

Mir ist wichtig, eine Rede mit einem Bild oder mit einem Gedicht zu beginnen. Damit ist gleich die Aufmerksamkeit da.

Ich will vermitteln, dass es natürlich ist, zu sterben - so wie die Blätter von dem Bäumen fallen.

 

Wie triffst Du die Verabredungen mit den Trauernden? Wie bekommst Du Deine Informationen?

Ich telefoniere mit ihnen, aber ein persönliches Gespräch ist natürlich viel schöner. Manchmal sind bei dem Treffen mehrere Personen anwesend: Freunde, Freundinnen oder Verwandte. Neulich habe ich auch ein Fax bekommen. Diese Informationen habe ich vorgelesen und vorher erwähnt, dass ich das jetzt wortwörtlich vorlesen werde.

 

Bekommst du manchmal verschiedene Informationen?

Es kann vorkommen, dass es in einer Familie einen Zwist gibt. Wenn ich verschiedene Informationen bekomme, dann orientiere ich mich an der Person, mit der ich als erstes gesprochen habe. Die Person, die mich beauftragt hat. Und wenn jemand drittes kommt und mir etwas anderes erzählt, dann versuche ich das entweder zu klären oder wegzulassen.

 

Wie lange dauern Deine Trauerreden?

Eine Trauerfeier dauert in der Regel 30 Minuten. Es wird Musik gespielt. Diese kann unterschiedlich lang sein. Die Rede an sich hat eine Länge von 15-25 Minuten.

 

Wie baust Du Deine Reden auf? Hast Du eine bestimmte Struktur?

Ich fange gern mit einem Gedicht oder mit einem Bild zum Thema Tod oder Leben an. Manchmal greife ich auch den Text der Trauerkarte auf. Am Ende lese ich häufig einen irischen Segensspruch vor, das ist für mich persönlich ein wichtiger Teil der Rede.

 

Hast Du eine bestimmte Wortwahl?

Ich finde es wichtig, über die Liebe zu sprechen. Über die Liebe, die man sich gegenseitig gegeben hat und dafür auch noch einmal zu danken.

Die irischen Segenssprüche sind immer in der Wir-Form geschrieben. Das ist auch richtig, denn in diesem Moment spiele ich als Trauerrednerin keine Rolle, ich bin das Sprachrohr dieser Familie oder Trauergemeinde, die mit einem: „Wir wünschen Dir alles Gute!“ Abschied nimmt.

 

Woran merkst Du, dass sich die Trauernden bei Dir gut aufgehoben gefühlt haben?

Oft kommt schon auf dem Weg von der Kapelle zur Grabstelle ein Feedback. Vielleicht ein Augenzwinkern - man spricht nicht allzu viel. Das braucht man in diesem Moment auch gar nicht. Auch wenn viel geweint wird, verstehe ich es als persönliches Feedback.

Das ist schön, das freut mich: Das ist ein guter Moment, einfach die Tränen laufen zu lassen - wenn man weinen will.

 

Und wann weißt Du für Dich, ob eine Rede gut war?

Du spürst bei einer Feier, ob es rund ist. Ich spüre es daran, wie mir die Leute zuhören und wie man gemeinsam aus der Kapelle geht.

 

Sprichst Du in Deinen Reden das Thema Trauer an?

Das Thema Trauer ist ein sehr großes Thema. Einerseits ist es sehr wichtig und andererseits auch sehr unterschiedlich. Es hängt davon ab, wie die Hinterbliebenen trauern: Wenn ein älterer Mensch erlöst wurde, dann hat die Trauerphase schon vorher begonnen. Bei jüngeren Menschen ist das anders. 

Früher gab es das Trauerjahr, welches meiner Meinung nach sehr wichtig war: Wir leben in einer Zeit, in der man sich gleich das Krönchen aufsetzt, aufsteht und weitermacht. So wie immer, bloß nicht anhalten und in sich gehen!

Das ist ein bisschen schwierig bei uns - warum auch immer....

 

Welche Rolle spielt Musik in Deinen Reden? Beeinflusst das die Stimmung?

Die Musik ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Oft haben die Angehörigen genaue Vorstellungen, welche Musik gespielt werden soll.

 

Die Trauergäste sind in einem hochemotionalen Zustand. Beeinflusst das Deine Reden und wenn ja, wie gehst Du selber damit um?

Die Emotionalität der Trauergäste ist sehr unterschiedlich. Meist kenne ich aus den Gesprächen nur ein, zwei Personen und bei der Feier sind vielleicht 100 Personen anwesend. Ich stehe außen vor und bin distanziert. Daher passiert es nicht häufig, dass ich emotional werde - ich habe es nur einmal erlebt. Da habe ich gedacht: Wie komme ich hier raus, ohne dass mich die Trauernden heulen sehen? Das geht nicht oder anders gesagt: Das möchte ich nicht.

 

Gibt es auch heitere Momente in Deinen Trauerreden?

Es gibt heitere Momente: Wenn die Angehörigen erzählen, was der oder die Verstorbene so alles Lustiges und Schräges unternommen hat. Das lasse ich auf jeden Fall einfließen.

 

Haben Dich Deine Berufe persönlich verändert?

Da ich auch als Bestatterin arbeite, habe ich den ganzen Tag mit dem Thema Tod zu tun. Darüber kann man nicht ständig reden. Wenn ich abends auf eine Party gehe, dann steht das Thema im Raum: Was machst Du beruflich? Das empfinde ich als problematisch.

Andererseits gibt es auch eine positive Veränderung: Ich würde mich als ernsthaften Menschen beschreiben und ich kann diese Ernsthaftigkeit in meinem Beruf ausleben.

1 Kommentare

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Kommentar von Michael Bäcker |

Danke für die Worte für einen Trauerfall. Meine Bekannte arbeitet in einem Bestattungsinstitut. Sie sagt, die angemessensten Worte sind die ehrlichen, über die man sich auch wirklich Gedanken gemacht hat.
LG