Wie Sie mit Storytelling Ihre Zuhörer fesseln

von Birgit Schürmann

Wie Sie mit Storytelling Ihre Zuhörer fesseln

An einem Theater, in dem ich engagiert war, hatte ich einen Kollegen, der eine typische Rampensau war. Alle Schauspieler sind mehr oder weniger Rampensäue, aber bei ihm war es besonders auffällig und er bemühte sich nicht, dies zu verbergen. Vielleicht dachte er auch, wir merken das nicht. Auf der Bühne platzierte er sich immer so, dass er besonders gut zu sehen war. Er sprach besonders laut und wenn er einen Gag lieferte, spielte er ihn so lange aus, dass alle Kollegen die Augen verdrehten.

Bei vielen Menschen ruft der Gedanke, vor einem Publikum zu stehen, eher Gegenteiliges hervor. Bei dem Wort Vortrag schießen ihnen Assoziationen wie „Lampenfieber“, „Blackout“, „rote Flecken“ oder aber auch „Langeweile“, „viel zu viele Folien“ oder „alles sofort wieder vergessen“ in den Kopf.

Nun gibt es eine gute Nachricht, die Änderung verspricht – der argentinische Autor Jorge Bucay hat sie treffend in Worte gefasst: „Kindern erzählt man Geschichten, damit sie einschlafen, Erwachsenen, damit sie wach bleiben“. Die Erzählmethode Storytelling ist bei uns durch die Amerikaner bekannt geworden, die das Präsentieren bereits von Kindesbeinen an lernen.

Mittlerweile ist Storytelling eines der Schlagwörter des hiesigen Marketings. Dahinter steckt der Gedanke: Mit einer lebendigen Geschichte lässt sich eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit erzielen, als durch eine nüchterne Ansprache.

 

Emotionen haben die Informationen im Griff

Moderne Werbespots fahren dafür alle Möglichkeiten des großen Kinos auf – wir bekommen großartige Landschaftsaufnahmen oder beeindruckende Kamerafahrten zu sehen. Humorvolle Drehbücher werden geschrieben. Und dem Spot wird ein zackiger Schnitt, eine sonore Sprecherstimme oder opulente Filmmusik verpasst.

Zum Beispiel die Autowerbung: Autos fahren schnittig am Strand entlang oder sie kämpfen sich einen schneebedeckten Berg hoch. Es werden dramatische Themen wie Freiheit, Unabhängigkeit, Tod und Unfall behandelt. Das ist ein guter Drehbuchstoff für große Emotionen.

Halten Sie einen Fachvortrag, können Sie auf diese Kombination von Mitteln nicht zurückgreifen. Aber: Spannendes Storytelling hat eine ähnliche emotionalisierende Wirkung und begeisterte Redner vermögen ihr Publikum genauso in ihre Geschichten zu ziehen.

 

Storytelling: Aus Ohren werden Augen

Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Geschichten machen aus Ohren Augen“. Zuhörer begleiten die Worte eines guten Redners mit den eigenen Gedanken, Phantasien und Bildern. Werden Zuhörer durch eine Geschichte emotional bewegt, ist das ein großer Pluspunkt für den Vortragenden – die Information erreicht das Herz der Zuschauer und verknüpft die Infos mit einem entsprechenden Gefühl.

Damit ist die Information sicher in den Gedächtnissen der Zuschauer gespeichert und bleibt ihnen länger in Erinnerung, als trockene Fakten oder logische Argumente.

 

Der kämpfende Held

Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt: „Wir verstehen alles im menschlichen Leben durch Geschichten“. Ich liebte, wie alle anderen Kinder auch, schon als Kind Geschichten. Damals gab man kleinen Mädchen „Pipi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren zu lesen. Das war eine gute Wahl – ich fand das Pferde stemmende und frei lebende Mädchen einfach großartig und wollte auch so sein.

Kinder lernen durch Geschichten das Leben und die Welt kennen und verstehen. Kinderbücher, Märchen und Geschichten vor dem Schlafengehen sind dementsprechend aufgebaut.

 

In Geschichten versinken

Wenn Sie einmal mit einem Kind im Kindertheater waren, dann wissen Sie, wie emotional Kinder auf das Bühnengeschehen reagieren und wie sie sich in den Verlauf einer Geschichte hineinziehen lassen.

Diese Fähigkeit bleibt uns unser Leben lang erhalten: Ob wir in der U-Bahn Zeitung lesend unsere Station verpassen, im Kino die Taschentücher herausholen oder ob wir mit einem Roman, einer amerikanischen Serie ganze Nachmittage und Abende unbeweglich auf der Couch verbringen – uns schlägt die persönliche Identifikation mit dem Helden in Bann.

Und damit auch die Widrigkeiten, die sich ihm in den Weg stellen. Die Probleme und Hürden, die er zu meistern hat. Der schillernde Gegner, der ihm stets auf den Fersen ist und ihn ständig herausfordert. Uns fesselt der Lösungsweg, den unser Held einschlägt. Die inneren Konflikte, die daraus resultieren. Wer ihn auf seiner Heldenreise begleitet. In wen er sich verliebt, was ihm dann noch alles Überraschendes widerfährt und wie er sich dadurch verändert.

 

Mit dem Helden leiden

Wir fühlen, leiden, kämpfen und hoffen mit unserem Helden. Diese Elemente bauen eine Spannungsbogen auf und füttern eine Dramaturgie, die eine gute Geschichte ausmacht. Jedes Hollywooddrehbuch folgt dieser Struktur der Heldenreise.

An dieser Struktur, an diesen Kriterien können Sie sich orientieren, wenn Sie mit Storytelling Ihren Fachvortrag lebendig gestalten wollen. Jeder von uns hat in seinem Leben und beruflichen Alltag mit Schwierigkeiten zu kämpfen und versucht sie auf seine Art und Weise zu lösen. Und dieser manchmal steinige Weg – konkret, detailliert, anschaulich und persönlich erzählt – hat das Potential für eine gute Geschichte.

 

Praxistipp 1: Lassen Sie Ihren Helden menscheln

Ihre Hauptperson sollte liebenswert sein und in einer glaubwürdigen Welt agieren. Geben Sie Ihrem Zuhörern Gründe, warum sie sich auf Ihre Hauptperson einlassen sollten. Sie sollte nicht abstrakt sein: Bestenfalls sind Sie auch der Held Ihrer Story und können so Ihre Gefühle glaubwürdig und authentisch wiedergeben.

Zeigen Sie sich als Mensch mit Hoffnungen, Nöten, mit Stärken und Schwächen und ähnlichen Bedürfnissen wie Ihre Zuhörer. Damit Sie stellen schnell eine persönliche Verbindung und das Gefühl der Gemeinsamkeit her.

 

Praxistipp 2: Ihr Zuhörer muss die Lebensumstände Ihres Helden einschätzen können

Wir identifizieren uns am ehesten mit Menschen, die uns ähnlich sind oder deren Lebensumstände wir gut einschätzen können. Persönliche Schicksale wirken glaubwürdiger und emotionalisierender als unkonkrete Schilderungen einer bekannten Persönlichkeit, deren Leben mit dem unsrigen nichts zu tun hat.

 

Praxistipp 3: Hoch und Tiefs müssen leicht nachvollziehbar sein

Alles, was in Ihrer Geschichte passiert, wird von Ihren Zuhörern mit den eigenen Erlebnissen und Vorstellungen, wie etwas sein könnte, verglichen. Nur wenn diese beiden Komponenten zusammenkommen, lassen sich die Zuschauer emotional auf die Situation ein.

 

Nicht zu viel auf einmal

Eine gute Geschichte muss nicht kompliziert sein, im Gegenteil: Sich auf das Wesentliche zu beschränken, ist mehr. Verschiedene Erzählstränge, zu viele Charaktere oder ungenau erzählte Ereignisse können den Zuhörer verwirren und ablenken. Er muss nachdenken und sich in der Geschichte neu orientieren. Dabei verliert er den emotionalen Kontakt zum Kern der Geschichte.

Wenn Sie mehrere Erzählstränge miteinander verbinden wollen, achten Sie darauf, dass Sie alle Informationen und Verknüpfungen, sowie die Anfänge und Enden der Seitengeschichten vorausschauend im Kopf haben. Hohe Kunst ist: Durch die Verbindungen der Geschichten eine eigene Dramaturgie zu entwickeln!

 

Geschichten beweisen Fachkompetenz!

Wie haben Sie oder der Protagonist Ihrer Geschichte die Feuerprobe gemeistert? Welche Veränderungen, welche Entwicklungen haben Sie durchgemacht? Klug gewählte Lösungsschritte und ein „Welche Hindernisse gab es, was ich alles versucht habe und wie ich letztendlich auf die richtige Lösung gekommen bin“ sind ein stichhaltiger Beweis für Ihre Fachkompetenz und Autorität. Das wirkt wahrhaftig, glaubwürdig und gibt Ihrer fachlichen Botschaft eine menschliche Komponente.

Stellen Sie heraus, was Sie aus Ihrem Abenteuer gelernt haben! Mit dem gemeinsamen Fühlen und Erleben teilen die Zuhörer nicht nur Ihr Leiden, sondern auch Ihren Lerneffekt. Und das ist auch das Besondere am Storytelling: Während das Publikum unterhalten wird, lernt es dazu.

Und vergessen Sie nicht: Ihre Geschichten sollten immer einen klaren Bezug zu Ihrem Thema haben und der Transport der Botschaft muss im Vordergrund stehen. Verschiedene Geschichten aneinander zu reihen, nur um des Erzählens willen – besser nicht!

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