Wie Sie mit Zuckerbrot und Peitsche das Publikum Ihrer Präsentation in Atem halten

von Birgit Schürmann

Wenn Worte zu Bildern werden: Die Kunst des emotionalen Präsentierens

Ich lebe in Berlin. Und liebe das KaDeWe, das Kaufhaus am Kurfürstendamm. Einerseits hat es Tradition und erfindet sich andererseits immer wieder neu. Das gefällt mir. Vor einiger Zeit bin ich hin, ich suchte eine neue Tasche. Sie sollte nicht nur gut aussehen, auch mein iPad sollte reinpassen und mindestens 3 Fächer sollte sie haben. Damit ich, wenn es von Zuhause losgeht, weiß, habe ich Geld, Handy und meinen Schlüssel dabei.

Ich machte mich auf eine längere Suche gefasst, wurde aber zu meinem Erstaunen schnell fündig. Eine schöne Tasche von einem jungen Berliner Label, obendrauf prangte kein Logo, es gab übersichtliche Fächer, das iPad passt locker rein und der Preis stimmte auch.

Trotzdem murmelte ich in Richtung Verkäuferin sowas wie: Ich möchte noch ein bisschen weiter gucken.

 

Wenn Emotionen die Vernunft ausschalten

Und dann sehe ich SIE! Das iPad, na ja, passte gerade mal mit Ach und Krach rein. Fächer? Vergessen Sie sies! Nur ein einziges Fach. Objektiv betrachtet, eigentlich gar keins, nur auf und zu. Aber die Tasche blinkte mich an, blendete mich und Sie ahnen schon, was ich passierte: ich zog zur Kasse.

Warum kaufte ich die unpraktische Tasche? Meine Phantasie lieferte mir rasend schnell Bilder. Bilder von Situationen, in denen ich gutaussehend und supercool mit dieser Tasche aufkreuze. Und diese Bilder beflügelten mich. Ich lege das Geld also rein aus emotionalen Gründen auf den Tisch. Mir ist sonnenklar: Das ist nicht das, was Du gesucht hast. Und was Du brauchst, schon lange nicht....

 

Emotionen zücken den Geldbeutel

Meine Emotionen waren Schuld. Sie lenkten meine Aufmerksamkeit, meine Entscheidung und dementsprechend meinen Kauf.

Jetzt fragen Sie sich vermutlich: Ja, Frau Schürmann, freut mich für Sie, dass Sie jetzt eine schöne Tasche haben, aber und was bedeutet das denn für meine Vorträge und Präsentationen?

Verrate ich Ihnen gerne: Wollen Sie mit Ihrer Präsentation ein Produkt verkaufen, Menschen mit Ihrer Rede inspirieren oder für Ihre Ideen und Argumente zugänglich machen, dann bringen Sie Ihre Zuschauenden in Wallungen. Erzeugen Sie Emotionen.

Logische Zahlen, Daten und Fakten werden verstanden, gehen aber nicht unter die Haut. Dementsprechend bleiben die Infos nur kurzzeitig hängen, um sich dann schnell wieder aufzulösen.

 

Bilder lenken unser Interesse

Dazu kommt, dass heute zunehmend digitale Reize auf uns einprasseln. Die Verarbeitung unserer Informationen hat sich auf bilddominierende Reize verlagert. Studien haben gezeigt, dass visuelle Eindrücke eine bis zu 94 % höhere Interaktionsrate aufweisen als Texte. Nicht umsonst sind Instagram und TikTok so erfolgreich. Beim Online-Shopping kaufen wir zunehmend impulsiv und lassen uns aufgrund kurzer visueller Eindrücke zu Käufen hinreissen.

 

Gefühle prägen unser Leben

Mit anderen Worten: Emotionen überflügeln Worte. Nichts bestimmt unser Leben so sehr und ist dennoch so schwierig zu greifen wie unsere Gefühle. Emotionen machen unser Leben lebenswert, sie bringen Farbe in unser Leben.

Die emotionalen Prozesse bleiben verborgen, dabei leiten sie unser Verhalten, unsere körperlichen Reaktionen, beispielsweise, wenn plötzlich eine dicke Spinne auf unserem Bein sitzt, wenn wir vor Lampenfieber eine quetschige Stimme bekommen oder unser durchgeschwitztes Hemd am Rücken klebt.

Machen uns Emotionen unberechenbar? Sind sie sogar gefährlich? Nee. Wir brauchen Emotionen nicht nur, um Entscheidungen zu treffen, sondern auch um angemessen auf unseren Alltag und die Umwelt zu reagieren.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio von der University of Southern California formuliert es so: Emotionen sind kein Luxus, sondern ein komplexes Hilfsmittel im Daseinskampf.

 

Limbisches System gegen Neocortex

Aber zurück zum emotionalen Präsentieren. Was passiert dann in unserem Gehirn? Ich bin keine Wissenschaftlerin, aber umreisse es mal grob.

Für emotionales Präsentieren ist kein einzelnes „Emotionszentrum“ zuständig, sondern ein Netzwerk mehrerer Hirnregionen, die Emotion, Aufmerksamkeit, Körpersignale und Sprache verbinden.

Emotionen entstehen erst mal im limbischen System. Das limbische System setzt sich aus mehreren Strukturen zusammen, unter anderem der Amygdala, dem Mandelkern. Die Amygdala bewertet, wie emotional bedeutsam ein Reiz ist (z.B. Stimme, Bild, Geschichte) und löst rasche emotionale Reaktionen aus. Wird sie durch eine Präsentation angesprochen, werden wir wacher und empfinden das Gehörte relevanter.

Die Amygdala steht in direkter Verbindung zum Hippocampus, der zentralen Instanz für die Gedächtnisbildung. Der Hippocampus verknüpft emotionale Inhalte mit episodischem Gedächtnis, so dass Geschichten, Metaphern und Bilder der Präsentation langfristig erinnert werden.

Das limbische System ist wesentlich schneller als der Neocortex, der für für unser rationales Denken zuständig ist. Eine Präsentation, die „direkt ins Herz“ geht, umgeht oft die rationale Filterung und erzeugt eine sofortige Reaktion, noch bevor wir die Daten logisch analysiert haben.

 

Auch Fachvorträge dürfen berühren

Selbst bei Ihrem Fachvortrag dürfen Emotionen ins Spiel kommen. Auch beim wöchentlichen Meeting. Um Emotionen zu erzeugen, müssen Sie nicht weit ausholen. Sie müssen nur wissen, wie Sie emotionalisieren bzw. was emotionalisieren wirkt. 

Ich habe bereits die Kraft der Bilder im Internet angerissen, verwenden auch Sie Bilder um Ihre Präsentation zu emotionalisieren. Starke Bilder. Bilder werden bis zu 60.000 mal schneller verarbeitet als Text.

Ebenfalls durch gut ausgewählte Visualisierungen Ihrer Inhalte. Auch Ihre PowerPoint hat das Zeug dazu, wenn Sie aussagekräftige Fotos, Kontraste, Videos oder Musik verwenden. Und noch etwas: vergessen sie bitte die üblichen Stock-Fotos, die wir schon hundert Mal gesehen haben. Gestapelte Steine oder acht Hände, die ineinander greifen, lösen nichts mehr aus. Gar nichts.

 

Worte, die man fühlen kann

Sprechen Sie eine bildhaften Sprache. Das können wir uns vom Marketing abgucken. Im Marketing ist die bildhafte Sprache, die die Kunden und Kundinnen zum Kauf anregt, das A und O. Texter und Texterinnen lieben bildhafte Adjektive, beispielsweise ist:

  • ein leckerer Shake etwas anderes als ein Shake,
  • ein professioneller Trainer etwas anderes als ein Trainer,
  • ein  gemütliches Studio etwas anderes als ein Studio.

Haben Sie schon mal folgende Anzeige gelesen: Wir würden uns freuen, Sie bei uns im Wellnessbereich begrüßen zu dürfen?

Wenn ja, dann war mit Sicherheit der neue Azubi am Werk, der Profi formuliert es anders: Tauchen Sie ein, in einen Tag der vollendeten Entspannung. Der Fokus liegt auf bildhaften Adjektiven und aktive Verben (Sehen Sie, Tauchen Sie ein, Erleben Sie…).

Mein Tipp: Nutzen Sie eine sensorische Sprache. Eine Sprache, die unsere Sinne anspricht, so dass es Ihre Zuhörenden fühlen können. Diese Mini-Bausteine haben in jedem noch so kleinen Redebeitrag Platz.

 

Das Sahnehäubchen: Geschichten erzählen

Und die Krönung: Storytelling. Geschichten erzählen. Durch Storytelling entstehen in den Köpfen Ihrer Zuschauenden Bilder. Ihr Kopfkino setzt sich in Gang und während sie zuhören, begleiten Ihre Zuhörenden Ihre Worte mit eigenen Gedanken, Phantasien und Bildern.

Erzählen Sie Ereignisse. Ihre Erlebnisse, wahre Erlebnissen. Ankedoten. Erzählen Sie vom Scheitern, von überwundenen Unsicherheiten. Wenn Peinlichkeiten Ihre Inhalte unterstützen, nur zu!

Sie brauchen keine Geschichtsbücher zu wälzen. Ihre Alltagserlebnisse und dementsprechend Ihre Alltagsgeschichten haben das Zeug dazu, die Amygdalas Ihrer Zuhörenden zu aktivieren.

 

Vielen Dank für das tolle Taschenfoto von Arno Senoner auf Unsplash.

 

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