von Birgit Schürmann

Wenn Stress die Kommunikation im Team vor die Wand fährt

Es ist ein Dienstagvormittag, 11:30 Uhr. Auf Ihrem Tisch stapeln sich die To-Dos, Ihr Postfach meldet ungelesene Mails im dreistelligen Bereich und in einer halben Stunde steht die nächste Präsentation an. In dem Moment kommt Ihr sympathischer Kollege Schulze, klopft betont locker auf Ihre Tischkante und sagt: Hast du kurz zwei Minuten für Projekt XY?

Wie reagieren Sie?

In einer entspannten Woche würden Sie vermutlich lächelnd antworten: „Na klar, für Dich immer!“

Aber heute? Ihr Kopf brummt eh schon…. Ihr Blick wird starr, und durch Ihren Kopf schießt nur der Gedanke: Oh mann, nicht jetzt!

Vielleicht bekommen Sie gerade noch die Kurve - weil Kollege Schulze ja so ein Sympathischer ist - vielleicht gelingt es Ihnen aber auch nicht und es es rutscht Ihnen ein gereiztes: Was denn??? raus.

 

Was unsere Stimme über unseren Stresspegel verrät 

Die Universität des Saarlandes belegte in einer Studie (2022):

Unter Stress wird

  • unsere Stimmlage höher
  • wir sprechen schneller und lauter
  • unsere Sätze werden kürzer.
  • Die Sprache wird direkter, weniger nuanciert
  • wir wägen nicht mehr ab
  • Feinheiten werden weggelassen.

Auf den anderen wirkt unsere Sprache abweisend und distanziert.

Woran liegt das? Zur Zeit untersucht auch die Universität Tübingen, woran sich psychischer Stress im Alltag über die Stimme erkennen lässt.

Zwischenergebnis: Stress verändert die Atmung und Muskelspannung im Kehlkopfbereich.

Dies wirkt sich direkt auf Stimmhöhe, Stabilität und Sprechtempo aus.

Selbst dann, wenn ein Mensch subjektiv kein Gespür für die Belastung hat. Anders gesagt: Selbst wenn die Testpersonen angaben, sich nicht stärker gestresst zu fühlen als sonst, machte sich ein anstrengender Tag mit hoher Belastung an ihrer Stimme bemerkbar (Messung in Dezibel, Studie Universität Saarland 2022).

Die Studienleitung sagte abschliessend: Das ist eine wichtige Erkenntnis: Fragt man die Leute, ob sie gestresst sind, sagen viele "Ach, nein, das geht schon", obwohl es schon längst an der Zeit wäre, etwas zu ändern. 

 

Soziale Kontakte unter Stress sichern 

Wie vermeiden wir, dass wir durch Stress unsere sozialen Bindungen am Arbeitsplatz schwächen? Wodurch retten wir unsere Beziehungen? 

Aus der Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt (2022) ergab sich folgendes:

1. Niedrige soziale Unterstützung am Arbeitsplatz erhöht das Risiko für psychische Belastungen auf fast das Dreifache.

2. Laut einer ergänzenden Studie aus der National Liberay of Medicine ist die fehlenden Möglichkeit, sich über unseren Stress auszutauschen ein zusätzlicher Stressfaktor: "Kommunikativ eingeschränkter organisatorischer Stress ist ein Phänomen, das durch tatsächliche und/ oder empfundene Verbote gekennzeichnet ist, mit anderen über die eigenen organisatorischen Stressfaktoren zu sprechen." 

Anders ausgedrückt: Wenn Sie anders tickende Kollegen oder Kolleginnen um sich haben, keine Vertrauensbasis besteht, so dass Sie das Gefühl haben, nicht mal ungefiltert alles rauslassen zu können, ohne auf Unverständnis zu stossen. Wenn statt einer Antwort große Augen gemacht werden. Geschwiegen wird. Sich defensiv verhalten wird. Abgelenkt wird. Das Gesprächsthema gewechselt wird und Sie das Gefühl haben, Sie laufen mit Ihrem Anliegen ins Leere.

3. Dementsprechend wirken gute soziale Beziehungen am Arbeitsplatz als Puffer gegen Stressfolgen.

4. Können Sie in stressigen Situationen auf Ihre Kollegen und Kolleginnen zählen, dann wirkt diese Unterstützung stärker, präventiver und beugt besser vor, als die Unterstützung durch Vorgesetzte.

5. Es ist nicht nur der tatsächliche Erhalt von Hilfe entscheidend, sondern es reicht schon das Gefühl, dass Sie sich jederzeit Unterstützung holen KÖNNTEN.

6. Hoher Stress kann nicht nur zur Verschlechterung von sozialen Kontakten führen, sondern in einem Teufelskreis von Verlusten enden.

 

Präsenz zeigen, wenn die Hütte brennt 

Bauen Sie Ihre soziale Unterstützung auf. Pflegen Sie Ihre Kontakte. Gehen Sie gemeinsam in die Pausen, halten Smalltalk und verpassen keine Weihnachtsfeier. Signalisieren Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen: ich bin stets ansprechbar, habe ein offenes Ohr für Eure Anliegen und stehe als Vertrauensperson zur Verfügung - auch wenn ich unter Druck stehe.

Wenn Sie in einem das-Wasser-steht-mir-bis-zum-Hals-Moment vom Kollegen Schulze um Hilfe gebeten werden werden und kommunizieren: Sorry, momentan brennt bei mir die Hütte, aber ich komme später zu Dir rüber.

Sie beweisen einerseits: Eigener Stress wird nicht unkontrolliert beim Gegenüber abgeladen. Auch wenn es eng wird, bleiben Sie offen und ansprechbar. Andererseits: Mir gelingt die saubere Trennung zwischen der eigenen Belastung und der Beziehungsebene. Mein aktueller Stress hat nichts mit meinem Gegenüber zu tun. Selbst unter Druck kann ich meine Impulse kontrollieren. Ich bin noch in der Lage, klar zu denken und man kann sich auf mich verlassen.

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