Was geht mich das an?

von Birgit Schürmann

Was geht mich das an?

Stellen Sie sich vor, Sie halten einen Vortrag vor Schülern. Sagen wir, im Alter von 13 bis 16 Jahren. Pubertierende Schüler. Sitzen sie freiwillig vor Ihnen? Haben sie Ihr Taschengeld gespart, um Sie reden zu hören? Morgens schon vor verschlossener Tür gewartet? Vermutlich nicht! 

Die Schüler wissen, dass Eltern und Lehrer Druck machen, dass sie etwas lernen sollen und tun es dann mehr oder weniger freiwillig. Deshalb sitzen die Schüler jetzt hier. Mehr oder weniger interessiert. Voller Zuversicht starten Sie Ihren Vortrag. Ihr Thema ist gut. Das wissen Sie. Sie haben die ersten Sätze hinter sich und merken auf einmal: Diese Schüler sind ein erbarmungsloses Publikum.

Diese Schüler bleiben nicht höflich und ruhig sitzen bleiben, wenn es für sie uninteressant wird. Wie wir Erwachsene es tun würden. Nein, im Gegenteil! Der Lärmpegel steigt beständig. Moment mal: Die Schüler laufen in alle Richtungen. Dem wollen Sie Einhalt gebieten! Sie haben Wichtiges mitzuteilen! Sie erheben Ihre Stimme. Werden lauter – damit Sie bei dem Krach besser zu verstehen sind. Brüllen fast. Das bringt nichts. Die Schüler ziehen mit. Werden auch lauter.

Also zu anderen Mitteln greifen! Von irgendwo kommt Ihnen der Satz: „Man muss die Teilnehmer da abholen, wo sie stehen!“ Woher Sie den haben, keine Ahnung. Egal! In Ihrer Not schlagen ein Spiel vor, bei dem man ganz schnell in alle Richtungen laufen muss. Ha! Das funktioniert schon mal. Uff.

Jetzt legen Sie nach: Was wissen die Schüler über Ihr Thema? Nichts? Also fangen Sie bei Null an. Lassen sich Beispiele aus der Welt der Schüler einfallen. Erklären mit einfachen Worten. Es kehrt ein wenig Ruhe ein. Aber noch haben Sie nicht alle in der Tasche. Sie laden erneut: Sie zeigen den Schülern, was sie von Ihrem Thema haben. Was ihr Vorteil sein wird. Was ihnen das alles bringt. Jaa, das hat gesessen. Das kommt an. Allgemeine Verwunderung macht sich breit. Einer sagt tatsächlich: „Ist ja voll krass, Mann!“. Mucksmäuschenstille.

 

Gelangweilte Erwachsene

Der beste Spiegel für eine Bühnenperformance sind Kinder und Jugendliche. Weil Sie direkt reagieren. Klar signalisieren, was sie denken und empfinden. Wir Erwachsene bleiben hingegen höflich. Langweilen uns gepflegt. Lassen uns nichts anmerken. Checken heimlich unsere Mails. Fällen in Gedanken unsere Urteile und tauschen sie hinterher aus. Mit den anderen Zuschauern. Meist nicht mit dem Vortragenden. Dieser muss das erahnen.

Verschonen wir unsere Mitmenschen mit langweiligen Auftritten!

Sorgen wir dafür, dass wir unser Publikum nicht überfordern, nicht unterfordern und an ihnen vorbeireden. Ersparen wir dies unseren Zuhörern, indem wir unsere Präsentation oder Rede systematisch planen. Und bei unserer Zielgruppe beginnen:

 

Wie viele Zuschauer werden Sie haben?

Besser einen kleinen Raum mit vielen Menschen, als einen großen Raum mit wenigen! Stimmen Sie sich gedanklich auf die Menge Ihrer Zuhörer ein. Berücksichtigen Sie dies in Ihren Proben. Stimmlich wie körperlich.

 

Was wissen Ihre Zuschauer?

Wie setzt sich die Gruppe zusammen? Welches Vorwissen haben sie und haben alle den gleichen Wissenstand? Wenn nicht, helfen Sie in diesem Punkt nach. Verschicken Sie vor der Präsentation Infomaterial. Wenn das nicht reicht, um den unterschiedlichen Wissenstand auszugleichen: Berücksichtigen Sie das unterschiedliche Wissen während Ihrer Präsentation. Damit Sie jede Gruppe im Boot behalten.

Die Zuhörer, die weniger über das Thema wissen, laufen Gefahr, sich im Vergleich schnell wie Deppen zu fühlen. Arbeiten Sie dem entgegen: Suchen Sie nach Beispielen, die schwierige Sachverhalte für alle einfach und verständlich erklären. Vergleichen Sie diese mit dem alltäglichen Leben! „Stellen Sie sich vor, Sie müssen Ihren Garten umgraben und …“ Damit schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens wird Ihr Publikum über Ihre Beispiele lachen. Zweitens wird Ihr Publikum Ihre Fachkompetenz höher einschätzen. Was wollen Sie mehr?

 

Was denken Ihre Zuschauer über Sie und Ihr Thema?

Kennen Ihre Zuschauer Sie? Sind Sie eine Führungskraft und allen bekannt? Welche Einstellung haben sie zu Ihnen? Gibt es Vorurteile? Das ist kein angenehmer Gedanke – denken Sie ihn trotzdem zu Ende!

Was denkt Ihr Publikum über Ihr Thema? Haben alle dieselbe Einstellung? Vielleicht treffen Sie auf Zuhörer, die eine ganz andere Meinung zu Ihrem Thema haben. Müssen Sie Überzeugungsarbeit leisten? Oder dürfen Sie offene Türen einrennen? Werden Sie in kritische oder begeisterte Gesichter sehen?

 

Was erwarten Ihre Zuhörer von Ihnen?

Wollen sie nur Informationen? Eine Hilfe, um sich für etwas zu entscheiden oder wollen Sie unterhalten werden? 

Und was wollen Sie? Nur informieren, verkaufen oder motivieren? 

Unter Umständen treffen Sie auch auf Zuhörer, die einen anderen Schwerpunkt im selben Fachgebiet haben. Oder eine andere Sprache sprechen: Die Marketingabteilung eines Unternehmens hat gegebenenfalls ein völlig anderes Fachvokabular als die entwickelnden Ingenieure. Studenten, Handwerker, Manager sprechen alle eine andere Fachsprache – auch wenn alle 3 Gruppen das gleiche Thema haben. Passen Sie Ihre Sprache Ihrem Publikum an. Streichen Sie Fremdwörter – benutzen Sie Fachwörter nur bei Vorträgen vor einem Fachpublikum. Sonst gilt die Faustregel: Einfache Worte, komplexer Inhalt!

 

Wie heiß ist das Publikum auf Sie?

Vielleicht sitzen in Ihrem Publikum Zuhörer, die nicht freiwillig gekommen sind. Die im Vortrag sitzen, weil es der Arbeitgeber verordnet hat. Die lieber an dem eigenen Arbeitsplatz sitzen würden, weil sie Dringendes zu erledigen haben. Die sich sogar ärgern, weil sie jetzt die Zeit mit etwas verschwenden, was sie nicht sonderlich interessiert. Vielleicht weil sie denken, dass sie sich mit Ihrem Thema bereits auskennen. Wenn Sie das erste Mal vor Ort sind, dann nehmen Sie daher anfängliches Desinteresse oder sogar Ablehnung nicht persönlich! Das hat nichts mit Ihnen zu tun!

Wenn diese Emotion zu präsent wird, nehmen Sie diese auf. Und machen Sie diese zu Thema. Fragen Sie per Handzeichen unterschiedliche Haltungen ab, wie zum Beispiel: „Großes Interesse“, „Prinzipiell interessiert, aber Wichtiges liegt auf meinem Schreibtisch“, „Kenne mich mit dem Thema bereits aus“. Das entspannt die Situation! Die Zuhörer fühlen sich ernst genommen. Dann entscheiden Sie, je nachdem, welchen Einfluss Sie nehmen können, wie es weitergehen soll.

 

Was geht mich das an?

Orientieren Sie sich an Ihrem Publikum! Es geht nicht um Sie, sondern um die anderen. Und Ihre Zuhörer wollen eigentlich nur eins wissen: Was habe ich davon? Von Ihrer Idee, Ihrem Wissen, Ihrem Produkt oder Ihrer Dienstleitung? Macht es das Leben Ihrer Zuhörer einfacher, schöner oder bewegter? Machen Sie diesen Punkt so klar wie möglich! Und beantworten Sie diese Frage gleich zu Beginn Ihres Vortrags.

 

Praxistipp 1: Denken Sie über Ihre Zielgruppe nach!

Wer ist Ihr Publikum? Was weiß und denkt Ihr Publikum über Ihr Thema? Welche Sprache spricht Ihre Zielgruppe?

 

Praxistipp 2: Klären Sie die Motivation Ihrer Zielgruppe!

Wie hoch ist das Interesse Ihrer Publikums? Warum nehmen sie an ihrer Präsentation teil? Wie motiviert sind sie? Wenn das Desinteresse spürbar hoch ist, zum Thema machen!

 

Praxistipp 3: Stellen Sie den Nutzen Ihrer Zielgruppe in den Vordergrund!

Ihr Publikum wird sich während Ihrer Präsentation fragen:„Was geht mich das an? Was habe ich von diesem Produkt, der Idee, der Dienstleistung oder dem Wissen?” Nehmen Sie das vorweg, indem Sie diese Frage gleich zu Anfang klären. Dann gewinnen und halten Sie die Aufmerksamkeit!

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