Warum Sie nicht auf jeden Rhetoriktrainer hören sollten

von Birgit Schürmann

Warum Sie nicht auf jeden Rhetoriktrainer hören sollten

Oft fragen mich Teilnehmer meiner Seminare, was sie denn während ihrer Präsentation mit ihren Händen machen sollen. Meine Antwort: Wenn Sie leidenschaftlich über Ihr Thema sprechen, können Sie mit Ihren Händen machen, was Sie wollen - dann liegen Sie automatisch richtig!

Ich persönlich mag es, wenn man seine Gesten expressiv einsetzt. Das unterstützt die Wirkung des Redners. Den größten Teil der Information verstehen Ihre Zuschauer über Ihre Körpersprache.

Manche Rhetoriktrainer sehen das anders: Sie halten Ihre Teilnehmer dazu an, Gesten nur über der Gürtellinie stattfinden zu lassen, im sogenannten neutralen Bereich: Also auf keinen Fall eine Hand oder sogar beide in die Hosentasche stecken!

 

Die Petze Körpersprache

Am Theater ist es gang und gäbe, dass Regisseure Schauspielern Vorschläge machen, wie sie etwas spielen sollen. Es gibt Regisseure, die spielen den Schauspielern Gesten vor. Als Schauspieler übt man dann, diese „vorgespielte“ Geste zu einer eigenen Geste zu machen. Das gehört zum Handwerk eines jeden Schauspielers, dass ihm das auch gelingt. Sollte der Schauspieler für sich keine geeignete Übersetzung findet, dann sieht diese Geste bei den nächsten Proben immer noch merkwürdig aus.

Und so ergeht es vielen Menschen, die während einer Präsentation lässig ihre Hand in der Hosentasche versenken wollen und denen einfällt: "Ahje, das soll ich doch nicht machen! Ab mit den Händen über die Gürtellinie!"

Und dann petzt die Körpersprache. Die Hand zuckt aus der Hosentasche, wird ein wenig ungelenk im neutralen Bereich platziert und das Publikum erkennt: Da hat ein Rhetoriktrainer seine Finger im Spiel gehabt!

 

Sich frei fühlen und Spaß haben

Meiner Meinung nach sollte man die Teilnehmer eines Seminars mit solchen Regeln nicht klein machen. Im Gegenteil - man sollte sie darin unterstützen, sich bei ihrem Auftritt frei zu fühlen und vor allem: Spaß zu haben!

Es gibt viele Menschen, die nicht gern im Mittelpunkt stehen und die nicht gern präsentieren. Wenn diese Menschen im Aufmerksamkeitsfokus stehen, kann man das an ihrer Körpersprache, ihrer Sprache oder an verschiedenen Ticks, die sie urplötzlich entwickeln, erkennen

So etwas kann man natürlich kritisieren, man kann zählen, wie häufig das Phänomen auftritt und die Zahl dem Teilnehmer triumphierend unter die Nase halten.

 

Die inneren Kritiker in Schach halten

Besser: Den Teilnehmern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihre inneren Kritiker in Schach halten. Dass sie Ideen bekommen, wie sie die eigene Zensur ausschalten und wie sie für sich eine größtmögliche Freiheit entwickeln bei Ihrem Auftritt entwickeln.

Konzentrieren Sie sich bei Ihrer Präsentation oder Rede nicht darauf, wie Sie wirken, sondern darauf, was Sie sagen wollen!

Und damit meine ich: Wenn Sie an den Inhalt glauben, über den Sie reden und den Sie präsentieren, wenn Sie bestenfalls von Ihrem Inhalt begeistert sind, beseelt sind, dann brauchen Sie keine Fremdwörter, keine distinguierte Ausdrucksweise und auch kein lupenreines Deutsch. Dann darf Ihnen auch mal ein Wort nicht einfallen oder ein Satz nicht gelingen - Hauptsache, Sie stehen zu 100 % hinter Ihrem Inhalt. Je stärker Sie an Ihren Inhalt glauben, desto überzeugender wirken Sie auf Ihr Publikum!

 

Die Perfektions- und Imitationsfalle

Gleichzeitig sollten wir uns davor hüten, allzu perfekt sein zu wollen. Unser Publikum will einen Menschen vor sich sehen. Einen Menschen mit Ecken, Kanten und Schwächen.

Gregor Gysi ist ein großartiger Rhetoriker. Wir können analysieren, was ihn aus der Menge der politischen Redner herausstechen lässt. Wir können uns ansehen, wie er seine Reden aufbaut. Was ihn dabei unterstützt, schlagfertig zu sein - aber es wäre Quatsch, ihn imitieren zu wollen.

Die rhetorischen Talente der Menschen sind völlig unterschiedlich. Manche, wie zum Beispiel mein Interviewpartner Roderich Kiesewetter aus „Frei Reden im Bundestag“, können aus dem Stand druckreife Sätze formulieren. Andere erzählen spannende Geschichten und setzen eine exakte Pointe. Und wieder andere sind im Moment schlagfertig und nicht erst zehn Minuten später.

 

Emotional ohne perfekte Rhetorik

Es ist wichtig, dass wir uns auf unsere eigenen rhetorischen Fähigkeiten besinnen und diese ausbauen. Dass wir unseren eigenen Stil finden. Unseren persönlichen Ausdruck. Und das leben, was wir sagen. Ob Sie Emotionen bei Ihrem Publikum auslösen, hängt nicht von der perfekten Rhetorik ab. Und die emotionale Kraft Ihrer Rhetorik ist unabhängig von der Anzahl der Worte, die Sie zur Verfügung haben.

Ein gutes Beispiel: Die Wutrede von Giovanni Trappatoni von 1998 „Ich habe fertig“. Man versteht nicht alle seiner Worte, aber man versteht sehr schnell, was er sagen will. Was ihm wichtig ist. Ich sehe einen Menschen vor mir und ich erfahre etwas über den Menschen Trappatoni und über die Werte des Trainers Trappatoni - das berührt mich als Zuschauer.

 

Praxistipp 1: Mut zur Unperfektion!

Ratschläge sind auch Schläge! Auch wenn Sie das Feedback erhalten: Mensch, jetzt haben Sie schon wieder XY gemacht. Lassen Sie sich nicht beirren, denn eine Konzentration auf das, was man nicht machen soll, bewirkt, dass es wieder passiert. Arbeiten Sie an Ihrer inneren Haltung. Stellen Sie bei Ihren nächsten Arbeitsschritten Ihren Spaß in den Vordergrund. Versuchen Sie so unperfekt zu sein, wie nur irgendwie möglich. Dann stellt sich XY von alleine ein.

 

Praxistipp 2: Konzentrieren Sie sich auf Ihren Inhalt!

Konzentrieren Sie sich darauf, was Sie Ihrem Publikum mitteilen wollen. Wenn Sie vom Inhalt Ihrer Präsentation oder Rede begeistert sind, dann überträgt es sich auch auf Ihr Publikum!

 

Praxistipp 3: Zensieren Sie sich nicht!

Der größte Feind von Kreativität und Spontanität sind die eigene Kontrolle und Zensur. Die gilt es möglichst klein zu halten. Was hilft: Üben, experimentieren und ausprobieren. Experimentieren Sie mit Ihrer Stimme, Ihrer Körpersprache und den Kontaktmöglichkeiten zum Publikum. Egal in welchem Rahmen: Nehmen Sie jede Gelegenheit wahr, etwas zu präsentieren. Und wenn Sie inkognito in eine Karaokebar einfallen.

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