Gewachsen auf Beton - Die Boateng Brüder

von Birgit Schürmann

Warum Sie für gutes Storytelling eine Katze retten sollten - Ron Markus zu Gast

Ein Interview mit dem preisgekrönten Drehbuchautor Ron Markus. Er hat von großen Drehbuchautoren in Los Angeles gelernt und für bekannte Serien geschrieben - dazu zählen „Bad Banks“, „Dogs of Berlin“, „Stromberg“ oder ganz aktuell für „Andere Eltern“. Wie locken Sie mit professionellem Storytelling Ihre Zuschauer aus der Reserve'?

Ich habe den Eindruck, die gute alte Heldenreise, die jedem Drehbuch zugrunde lag, hat ausgedient. Geschichten werden jetzt nicht mehr so erzählt, dass ich einen Held oder Heldin habe, mit der sich alle identifizieren, mit der ich die ganzen Abenteuer durchlebe und die mich dann auch bis zum Ende der Geschichte führt. Bei der ich mir sicher sein kann, dass sie alles überlebt, weil sie ja die Hauptperson ist sind.

Neuerdings - beispielsweise in "Game of Thrones" - stirbt die Hauptfigur Ned Stark am Ende der ersten Staffel und ich als Zuschauer stehe plötzlich ohne meine Helden da! Als ich das gesehen habe, konnte ich es gar nicht fassen. Ich habe gedacht: So kann doch nicht erzählt werden! Hat sich das jetzt geändert?

Ja, das scheint mir ein Markenzeichen modernen Erzählens zu sein, dass zu jeder Zeit eine Bombe in die Geschichte einschlagen kann.

Ein Signal für den Zuschauer: Machs Dir bloß nicht zu gemütlich auf Deinem Sofa!

Fairerweise muss man dazu sagen, in Hitchcocks „Psycho“ wird die Hauptfigur mitten im Film in der Dusche abgestochen. Das war damals absolut revolutionär, dass so etwas passiert.

 

Wie wichtig ist die Hauptfigur für ein gutes Drehbuch? Warum muss ich meinen Held, meine Heldin lieben?

Die Hauptfigur ist das allerentscheidenste für ein Drehbuch. Aber vielleicht sollte ich mit einem kleinen Vorurteil aufräumen: Der Zuschauer muss die Hauptfigur nicht lieben, er sollte ihr nur unbedingt folgen wollen.

Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann stelle ich mir immer folgendes vor: Mein geliebter Protagonist sitzt in einem Ruderboot und wird sich jetzt gleich auf die Reise machen. Neben ihm ist noch ein Plätzchen frei und mein Job als Geschichtenerzähler ist es dann, dass auf diesem freien Platz eine zweite Person, also der Zuschauer Platz nimmt und sich gemeinsam mit der Hauptfigur auf die Reise macht.

Das muss früh in der Geschichte passieren, das bedeutet, meine Aufgabe als Autor ist es, dass ich am Anfang der Geschichte ein Band zwischen Hauptfigur und Zuschauer etabliere. Dazu gibt es verschiedne Techniken. Die einfachste aller Techniken ist die "Save-the-cat" Technik. Das bedeutet: Mein Held rettet in Minute 5 einer Katze das Leben. Oder macht was ähnlich Nettes.

Es gibt die Netflixserie „House of cards“. Ich glaube, in dieser Serie wollte man signalisieren: Wir machen hier alles anders und in der ersten Episode bringt der Hauptdarsteller, gespielt von Kevin Spacy, einen Hund um. Mir kam es vor wie: Schaut mal her, wir machen hier „Kill-the-dog“ statt „Save-the-cat“.

 

Wie hat man dann noch die Kurve gekriegt, dass man ihm folgen will?

Später gab es dann versteckte Save-the-cat Momente. Die Figur des Francis Underwood zeigt später seine nette und bodenständige Seite, wenn er bei einem schwarzen Gastronom Spareribs essen geht.

 

Gibt es noch weitere Techniken, die dazu führen, dass ich mich als Zuschauer neben den Helden setze?

Gern erzähle ich ein Extrembeispiel: Es gibt die Serie „Dexter“, die ist schon ein paar Jahre alt, hat aber damals für Aufsehen gesorgt, denn Dexter, die Hauptfigur, ist ein Serienkiller. Die Serie war sehr erfolgreich, es gab viele Staffeln.

Hier stellt sich die Frage: Wie schafft man es, dass ein Serienkiller die Hauptfigur ist und man ihr auch folgen will?

Dexter hat nicht willkürlich getötet. Er hat keine wehrlosen Frauen ermordet oder im Rausch Menschen getötet, sondern er hatte einen Moralkodex, an den er sich penibel gehalten hat. Das war ganz wesentlich. Hätte er den Code verlassen, hätten die Zuschauer massenhaft abgeschaltet.

...ich muss mich also irgendwie identifizieren. Es muss zum Beispiel etwas moralisch akkurates sein?

Ja, genau. In den USA wird es der „Good-bad Guy“ genannt. Don Corleone aus „der Pate“ ist ein klassischer Good-bad Guy. Er bringt zwar Leute um, aber nur solche, die es verdient haben. Er ist eigentlich ein Familienmensch und hat tief in seinem Herzen ganz viele Werte, die wir auch haben.

 

Was für eine Figurenkonstellation brauche ich für spannendes Storytelling?

Entweder habe ich eine antagonistische Kraft wie zum Beispiel in dem Film "Cast away" mit Tom Hanks oder - wie in der Mehrheit der Filme - einen Antagonisten. Das ist eine ganz wesentliche Figur.

Es gibt einen wichtigen Grundsatz: Der Held kann immer nur so groß sein wie sein Antagonist.

Wenn James Bond es mit einem Schurken aufnimmt, dann ist es in der Regel kein gewöhnlicher Kleinkrimineller, den auch der Chef der örtlichen Polizei gefasst hätte, sondern es ist ein Charakterdarsteller.

 

In jeder Geschichte sollte etwas möglichst ungewöhnliches passieren, etwas erzählenswertes, sonst gibt es keinen Grund, die Geschichte zu erzählen. Wenn alles glatt läuft, wirds langweilig. Ein Theaterstück braucht Drama, es braucht Unheil, Probleme, Konflikte. Eine Fallhöhe. Einen Verlust für den Protagonisten. So etwas bringt Bewegung in das Stück. Wie ist das beim filmischen Erzählen?

Was macht eine Geschichte gut? Das sind im Grunde genommen zwei Sachen: Erstens der Standpunkt und zweitens die Spannung. Es ist wichtig, dass man etwas erzählen will und eine Botschaft vermitteln will. Gandhi hat einmal gesagt: "My life ist my message" und das heißt für das Geschichtenerzählen: "Show it, don´t tell it". Lass Deine Figuren Deine Botschaft nicht aussprechen, sondern zeig sie in Deinen Filmen durch die Geschichte.

Für den Aufbau von Spannung brauche ich eine Partei, zum Beispiel eine Fußballmannschaft, der ich die Daumen drücke und einen starken Antagonisten, so dass beide Parteien ähnlich stark sind und der den Helden bis zum Ende herausfordert. Das spannendste Fußballspiel steht bis zum Schluß auf der Kippe.

Wendepunkte sind sehr wichtig.

Im Grunde genommen hast Du es mit der Figur von Ned Stark in Game of Thrones angesprochen: plötzlich passiert etwas, was völlig unvorhergesehen ist. Es gibt der Geschichten eine komplett andere Richtung und holt mich als Zuschauer aus meiner Reserve. Plötzlich bin ich extrem involviert, weil etwas passiert, was ich so nicht erwartet habe.

 

Wenn ich in meinem Vortrag, meiner Präsentation wahre Geschichten erzähle und mich an meine Fakten halten möchte, wie baue ich einen Spannungsbogen auf, ohne die Realität zu verlassen?

Ich kann mal eine Beispiel geben, bei dem es mir gelungen ist, einen Wendepunkt zu setzen und früh einen Spannungsbogen zu öffnen: Ich hatte die Aufgabe, auf der Hochzeit meines Bruders eine Rede zu halten. Als ich anfing zusprechen, hatte ich zwei große Umschläge in den Händen, einen gelben und einen blauen.

Mit denen bin ich auf die Bühne gegangen und habe gesagt: Ich habe zwei Reden vorbereitet, die eine Rede heißt "mein Bruder, mein Vorbild" und die andere Rede "mein Bruder, die Abrechnung" und ihr dürft entscheiden, welche Rede ich halte. Natürlich wollten alle "die Abrechnung" hören. Ich glaube, es ist mir gelungen, einen Wendepunkt zu setzen und die Leute sind ganz früh aus ihrem Zuckerkoma erwacht.

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