Warum Sie aufhören sollten, nach einem Mittel gegen Lampenfieber zu suchen

von Birgit Schürmann

Warum Sie aufhören sollten, nach einem Mittel gegen Lampenfieber zu suchen

Manchen Menschen merkt man an, dass sie unter heftigem Lampenfieber leiden. Dass sie super nervös sind und am liebsten gleich in den Erdboden versinken würden. Man erkennst sie an den durchgeschwitzten Hemden, den Flecken am Hals, der zittrigen oder piepsigen Stimme und manchmal ist plötzlich der Text weg. Wir Zuschauer fühlen und leiden mit und sind heilfroh, nicht in ihrer Haut zu stecken.

Andere Vortragende hingegen wirken während ihrer Präsentation völlig souverän und versichern nach ihrem Vortrag glaubhaft, dass sie furchtbar aufgeregt waren. Sie sind felsenfest davon überzeugt, alle Zuschauer hätten ihr Lampenfieber bemerkt - aber keinem ist ihre Nervosität aufgefallen. In meinen Seminaren erlebe ich viele Teilnehmer, denen es ähnlich geht.

 

Mittleres Lampenfieber fördert die Leistung

Für viele kaum vorstellbar, aber wahr: Es gibt Menschen, die blühen im Aufmerksamkeitsfokus auf. Sie fühlen sich auf dem Höhepunkt ihrer Leistung. Sie lieben den Moment, die Erregung, weil er ihre Aufmerksamkeit schärft. Sie genießen den geballten Energieschub und die Klarheit Ihrer Gedanken.

Bereits im letzten Jahrhundert (1908) wurde übers Lampenfieber und die Abhängigkeit des Leistungsverlaufs während einer Erregung geforscht. Zwei amerikanischen Psychologen Yerkes und Donson fanden heraus, dass wir optimal leisten, wenn wir uns in mittlerer Erregung befinden.

 

Lampenfieber stresst auch Bühnenprofis

Von Menschen, die selten präsentieren und manchen Berufssparten erwarten wir förmlich, dass sie von heftigem Lampenfieber geplagt werden. Würden sie lässig und selbstbewußt vortragen, wären wir verwundert.

Selbst Bühnenprofis kämpfen mit massivem Lampenfieber: Ich habe Schauspielkollegen erlebt, die vor jedem Auftritt nervös auf der Hinterbühne auf und ab tigerten. Andere Kollegen und Kolleginnen hatten ihre Nervosität nach der Premiere im Griff und sie blitzte nur noch mal auf, wenn special guests im Publikum saßen. Andererseits gibt es auch welche, die scherzen während der Premiere noch kurz vor ihrem Auftritt mit der Inspizientin und schlenderten ganz entspannt auf die Bühne.

 

Aus dem Lampenfieber kein Drama machen

Wenn ich zu einem Vorsprechen an einem Theater fuhr, wurde ich regelmäßig von starkem Lampenfieber geplagt. Der Zustand veränderte sich, wenn ich vorher in Stress geriet und vom Gedanken: „Gleich muss Du aber ganz toll spielen!“ abgelenkt wurde. Wenn beispielsweise auf der Hinfahrt der Kühler meines Auto zu explodieren drohte und der Wagen auf der Autobahn liegen blieb oder wenn mein Zeitfenster durch Zugverspätungen eng wurde.

Dann war ich die ganze Zeit über in höchster Alarmbereitschaft und meine Nervosität steigerte sich nicht mehr, wenn ich auf die Bühne musste. Diese Vorsprechen liefen super - aber wie stelle ich solche Umstände künstlich her?

Lange habe ich nach dem besten Umgang mit meinem Lampenfieber gesucht und festgestellt, dass es mir hilft, wenn ich nicht gegen das Lampenfieber ankämpfe, sondern es begleite. Die hohe Energie mit Atem-, Wahrnehmungs- und Konzentrationsübungen kanalisiere und mir vor und während meiner Vorträge Rituale schaffe. Rituale haben drei Vorteile:

  • Ich konzentriere mich auf die Reihenfolge der Rituale und das lenkt mich von meinem Lampenfieber ab.
  • Ich bereite ich mich gut vor und minimiere die Gefahr von Pannen, die mich aus meinem Konzept werfen können.
  • Sie reduzieren meine Angst vor unkalkulierbaren Zwischenfällen.

 

Notfall-Strategien parat haben

Sie fürchten, vor lauter Lampenfieber den Faden Ihrer Präsentation zu verlieren? Legen Sie sich einen Stichwortzettel zurecht! Kürzlich habe ich erlebt, wie das Model Toni Garrn eine Laudatio auf Tommy Hilfiger hielt und plötzlich von einem Blackout überrascht wurde.

Sie hat sich charmant gerettet: Sie las ihren Stichwortzettel und murmelte ins Mikro: “Das habe ich schon gesagt, das habe ich auch schon gesagt....“. Dann fand sie ihren Faden wieder und redete weiter, als wäre nichts geschehen: Das Publikum lachte und applaudierte.

Ist Ihnen ein Stichwortzettel unsympathisch, wiederholen Sie bereits Gesagtes. Fassen Sie die letzten Punkte Ihrer Präsentation kurz zusammen. Meist findet man sich dann schnell wieder im Ablauf der Präsentation zurecht.

 

Lampenfieber-Pausen kommen spannend rüber

Klopft Ihnen zu Beginn Ihrer Präsentation Ihr Herz bis zum Hals? Oder will Ihr Atem partout im obersten Brustbereich bleiben und stellt Ihnen nur eine Pieps-Stimme zur Verfügung?

Dann machen Sie, bevor Sie das allererste Wort sagen, eine Pause! Schauen Sie ins Publikum (möglichst in die wohlwollenden Gesichter) und kommen Sie erst einmal an. Atmen Sie möglichst tief ein und aus. Diese Pause erhöht die Spannung, vergrößert Ihre Wirkung und Sie haben die Chance, sich zu zentrieren.

Selbst wenn Sie während Ihrer Präsentation ein Blackout übermannt: Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen und haben Sie den Mut zu einer Pause!

Ich habe erlebt, dass Redner verzweifelte Denkpausen machten und die Zuschauer diesen Moment als den spannendsten Augenblick der gesamten Präsentation erlebten, ohne den eigentlichen Grund der Pause zu bemerken.

 

Horrorszenario Blackout

Viele fürchten sich vor einem Blackout. Wir haben Angst, dass inmitten unserer Präsentation schlagartig unser Wissen oder Können weg ist. Das stimmt nicht: Unser Wissen und Können sind noch da - nur der Zugriff darauf bleibt uns für kurze Zeit verwehrt. Und ja, es gibt tatsächlich schönere Momente im Leben eines Menschen, als gähnende Leere im Kopf!

Meist steigert unsere Angst vor einem Blackout die Wahrscheinlichkeit, dass ein Blackout eintritt.

Bereiten Sie sich auch auf ein Blackout vor. Legen Sie sich humorvolle Sätze zurecht, die Sie in diesem Moment sagen werden. Humor gepaart mit Selbstironie sind die allerbesten Mittel, einem Aussteiger während Ihrer Präsentation zu begegnen. Und um obendrein noch Sympathiepunkte unserer Zuschauer zu sammeln.

 

Die Uhr des Lampenfiebers tickt anders

Sobald wir gestresst vor Publikum reden, tickt unsere innere Uhr anders. Meist rast der Zeiger. Eine kurzer Hänger erscheint uns während unserer Präsentation wie eine Ewigkeit - während dieselbe Zeit für das Publikum verfliegt. Wenn Sie während eines Blackouts denken: „Das dauert ja ewig!“ können Sie drauf wetten, dass Ihre Zuschauer anders denken.

Sind wir Zuschauer einer Präsentation und spüren, dass der Vortragende mit seinem Lampenfieber kämpft (und diesen Kampf gewinnt), qualifizieren wir ihn nicht ab - im Gegenteil, wir finden das sympathisch. Fazit: Machen Sie sich keinen Kopf, wenn Ihre Stimme wackelt. Oder wenn Ihr Kostüm am Leib klebt: Ihr Publikum wird Sie trotz allem schätzen und Ihre Kompetenz erkennen.

 

Praxistipp 1: Lieben Sie Ihr Lampenfieber!

Fürchten Sie sich nicht vor Ihrem Lampenfieber und bekämpfen es nicht, sondern freunden Sie sich mit ihm an! Denken Sie daran: Den meisten Vortragenden merkt man nicht an, wie nervös sie sind.

 

Praxistipp 2: Schaffen Sie sich Rituale!

Rituale und sich wiederholende Vorgänge beruhigen und lenken ab. Legen Sie sich eine Reihenfolge fest, mit der Sie Ihre Präsentation vorbereiten: angefangen von der Wasserflasche, die neben Ihnen steht, über den Test der technischen Hilfsmittel bis hin zu Ihrer Kleidung.

 

Praxistipp 3: Zählen Sie beim Atmen!

Ich empfehle Ihnen eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Atemübung: Atmen Sie durch die Nase ein und aus. Zählen Sie beim Ein- und beim Ausatmen jeweils bis 8. Beim Einatmen atmen Sie bis 4 ein und halten bis 8 Ihren Atem an. Dann atmen sie ganz langsam, indem Sie innerlich bis 8 zählen, aus. Wiederholen Sie diese Übung vier Mal hintereinander.

Diese Übung beruhigt und selbst im größten Trubel können Sie sich in Ruhe auf Ihre Präsentation vorbereiten.

Foto: Dank an Nathan Dumalo/ Unsplash

3 Kommentare

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Kommentar von PROLOGOS |

Kleine Korrektur zu meinem Kommentar:
Der Seiltänzer hieß BLONDIN.
Blondin kam 1858 zu den Niagara-Fällen und war von der Idee besessen, sie auf dem Seil zu überqueren. Er war der erste, der dies tat – am 30. Juni 1859 balancierte er auf einem 335 Meter langen Seil, das die amerikanische mit der kanadischen Seite verband, über die tosenden Wassermassen. In der Mitte legte der Franzose eine Pause ein und erfrischte sich mit Wasser aus einer Flasche, die er sich mit einem Seil vom Touristenboot «Maid of the Mist» heraufholte. Bei einer anderen der insgesamt neun Überquerungen in diesem Sommer machte er auf dem Seil einen Salto. – Am 14. August 1859 setzte er erneut Massstäbe, als er die Fälle mit seinem Manager Harry Colcord auf dem Rücken überquerte.

Kommentar von PROLOGOS |

Als Schauspieler möchte ich hier auch meinen Senf hinzufügen:
Lampenfieber entsteht – speziell in diesem Beruf - dadurch, dass man GELIEBT werden möchte und Angst hat, diese Zuwendung seitens des Publikums (oder derer, die ein Vorsprechen abnehmen) nicht zu erhalten. Man will also etwas BEKOMMEN (Liebe, stellvertreten von Applaus, Vertrag...).
Es wäre also besser, man erwartet Nichts, sondern GIBT etwas – ohne Spekulation auf eine Gegengabe (also “Liebe").
"Je besser man sein will, desto schlechter wird man". Warum will man ganz besonders gut sein? Weil man ganz besonders ‘geliebt‘ werden will. Die Angst, dass das nicht eintreten könnte, erzeugt Lampenfieber (=Liebesverlust-Angst). Dass diese Angst im Vorfeld des Auftretens einsetzt, beweist, dass sie aus negativen Phantasien resultiert. Dazu der berühmte Seiltänzer Bandin:
"Wenn ich mir sage: Hoffentlich komme ich gut am Ende des Seiles an – dann habe ich mir damit (unterbewusst) auch gesagt, dass ich abstürzen könnte. Und dieser Gedanke macht mich unsicher... und das kann den Absturz bedeuten."
Also. Macht Euer Ding und hofft nicht, dass man Euch wie aus dem Häuschen geraten zujubelt und Ihr Euch nicht vor den Umarmungen retten könnt. Akzeptiert das Lampenfieber (wer will nicht geliebt werden?) - ein bisschen davon hat noch niemand umgebracht. Aber konzentriert Euch auf das GEBEN statt auf das HABEN WOLLEN. ToiToiToi!

Antwort von Birgit Schürmann

Hallo lieber Kollege,

haben Sie Dank für Ihre ausführlichen Kommentare:)))! In Bezug auf Schauspieler/innen (und manchen Speaker) gebe ich Ihnen recht. Für viele ist der Motor, sich auf die Bühne zu begeben, das Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung. Aber es gibt auch viele Menschen, die nicht gern im Aufmerksamkeitsfokus stehen und beispielsweise die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren sollen. Oft sind sie es nicht gewohnt, vor vielen Menschen zu sprechen und einen Vortrag dementsprechend aufzubereiten. Das verursacht bei vielen Auftrittsängste, die aus der Unsicherheit entstehen.

Danke für Ihren Zuruf: Macht Euer Ding! Das kann ich nur unterschreiben und ist in meinen Augen auch der Schlüssel für den Erfolg, egal aus welchem Grund man auftritt: Konzentrieren Sie darauf nicht darauf, wie Sie wirken, sondern darauf, was Sie sagen wollen. 

Mehr dazu finden Sie im meinem Blogartikel: Die 3 goldenen Regeln für Ihre persönliche Wirkung

 

Kommentar von Lydia |

Super toller Artikel. Es ist schön zu wissen, dass Menschen sich auch anders mit dem Thema befassen. Ich habe immer versuche, das Lampenfieber zu verdrängen und es nicht zuzulassen, mit dem Gedanken, dass es mir schadet.... Bei meinem nächsten Vortrag werde ich versuchen, es einfach einmal zu zu lassen! Danke für die Tipps!

 

Liebe Lydia, liebe Nicole, vielen Dank für Ihr Feedback! 

Antwort von Birgit Schürmann

Vielen Dank und toi-toi-toi für Ihren nächsten Vortrag!