von Birgit Schürmann

Warum ich lieber sieze als duze

Viele Blogger und Podcaster duzen ihre Leser und Hörer. Ich sieze lieber. Warum? 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, aber wenn mich Ikea duzt, irritiert mich das. Ich fühle mich dem Unternehmen dadurch nicht verbundener.

Im Gegenteil - ich finde es sogar frech, denn Ikea hat mich nicht gefragt. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die damit ein Problem hat, denn auf dem Unternehmensblog von Ikea wird dazu Stellung bezogen: „Das Duzen auf allen Ebenen ist keine Erfindung von Ikea und kein aufgesetztes Sprachsystem - es ist einfach nur schwedisch. Das Du ist kein einfacher Gleichmacher, sondern ein Türöffner für entspannteres und vertrauensvolleres Miteinander.“

 

Das Lern-Du

Tatsächlich kann ich das bestätigen. In meinen Seminaren lege ich Wert auf ein Seminar-Du, denn Ich habe festgestellt: Duzen wir uns, entsteht schneller Nähe und mehr Nähe. Das "Du" baut eine lockere und vertraute Atmosphäre auf, die eine gute Voraussetzung fürs Lernen bietet.

Allerdings lasse ich meine Teilnehmer ganz zu Beginn meines Seminars - jeder für sich - entscheiden, wie sie angesprochen werden wollen. Gleichzeitig versuche ich einen Gruppendruck zu vermeiden, der verhindert, dass einzelne Teilnehmer zustimmen, sich duzen zu lassen, obwohl ihnen das "Sie" lieber wäre.

Ich betone, dass ich es durchhalte, auch nur eine Person zu siezen und mit dem Nachnamen anzusprechen. Und dass wir nach dem Seminar gern wieder zum "Sie" übergehen können. Bis jetzt haben sich alle für das "Du" entschieden und sind dabei geblieben. Allerdings rutscht vielen Teilnehmern während des Seminars doch mal wieder ein "Sie" raus. Bis ein "Du" wirklich angekommen ist, braucht es anscheinend etwas Zeit.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Ja...Moment mal...wenn sie doch so eine gute Erfahrung mit dem "Du" gemacht hat, warum werde ich denn jetzt gesiezt? Andere Blogger duzen doch auch?!

 

Ich persönlich - und da spreche ich nur für mich - sieze aus 3 Gründen:

 

1. Duzen Sie Ihre Kunden?

Mein Blog und Podcast richtet sich an Menschen, die aus beruflichen Gründen ihre Rhetorik optimieren wollen. Ebenfalls dienen meine beiden Medienangebote der Unterstützung meines Business, also handelt es hier um eine Geschäftsbeziehung. Ein Kontext, in dem man sich siezt.

 

2. Respekt versus Zwangsduzerei

Für mich ist es auch eine Frage des Respekts. Ikea hat mich nicht gefragt, ob es okay ist, dass Ikea mich duzt. Wenn mich jemand duzt, den ich nicht kenne, dann vergrößert er oder sie die Distanz zwischen uns. Das schafft keine Nähe und baut keine freundschaftliche Basis auf. Ein "Du" garantiert keine Wertschätzung und einseitiges duzen empfinde ich respektlos.

Wenn mich jemand anschreibt, beispielsweise über Xing und mich ungefragt duzt - männlich vielleicht, deutlich jünger - muss ich gestehen: die Lust zu antworten, tendiert gegen Null. Manche kontaktieren mich mit: „Ist es okay, dass ich Sie duze?“ oder "Du/ Sie", damit kann ich gut leben. Die Menschen haben sich Gedanken gemacht und versuchen, das Thema auf ihre Weise und respektvoll zu lösen.

In sozialen Medien haben sich unterschiedlichen Handhabungen eingeschlichen. Xing fordert eher ein "Sie" heraus, bei Facebook oder Twitter muss man mit einem "Du" rechnen. Da frage ich mich, wie soll ich das handhaben?

Muss ich meine Leser und Kunden duzen, obwohl mir nicht danach zumute ist? Ich persönlich versuche das zu trennen: Die Facebookseite für die Freude, die ich größtenteils auch persönlich kenne, da duze ich natürlich. Meine offizielle Seite spricht meine Kunden und interessierte Menschen an, diese sieze ich.

 

3. Mach Dich mal locker

Günther Jauch liebt das "Sie". Ich auch. Vielleicht ist es die vorsichtige Distanz, die ich am "Sie" so mag, die bürgerliche Förmlichkeit. Ich will nicht duzen, weil man das jetzt so macht. Weil es so locker ist. Weil es alles so einfach macht. Ich schätze einen respektvollen Umgang und halte ihn für meinen Blog und Podcast als angemessen.

Andererseits kann ein "Sie" Blogs oder Podcasts unnötig steif klingen lassen. Mit andern Worten: Verwenden Sie die Ansprache, die sich für Sie richtig anfühlt. Es muss zu Ihnen, zu Ihren Kunden und in ihren Kontext passen.

 

Was meint Knigge?

  • Der Ranghöhere bietet dem Rangniedrigeren das Du an.
  • Der, der länger dabei ist - also der Dienstälteste - dem Neuen.
  • Der Ältere dem Jüngeren.
  • Früher galt wohl auch die Frau dem Mann, mittlerweile ist es bei Gleichaltrigen passe.
  • Einseitiges duzen ist respektlos.
  • Einmal Du immer Du, das bedeutet: Wenn man sich einmal aufs duzen geeinigt hat, sollte man nicht mehr zickig ins „Sie“ wechseln.
  • Auch wenn sich in einer Firma alle duzen, nicht nur mit einem: „Hallo, ich bin die Susann, wir duzen uns hier alle“ einsteigen, sondern neuen Mitarbeitern zu Beginn das „Du“ anbieten. Zum Beispiel: "Wir haben hier die Gepflogenheit, dass wir uns alle duzen. Ist das für Sie auch okay?"

 

Nähe differenzieren

Es gibt Länder, deren Sprachkultur nur das Du verwendet. Die deutsche Sprache hat diese Differenzierung und mir gefällt, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Anrede zu unterscheiden und unterschiedlich zu benutzen.

Vor 2 Monaten war ich in Island und war beeindruckt, wie die Isländer über die Sauberkeit ihrer Umwelt und die Reinheit ihrer Sprache wachen.

Die Isländer reinigen das Isländisch von fremden Einflüsse, um ihre Sprache zu erhalten. Beispielsweise von Lehnwörter: Worte, die aus einer anderen Sprache übernommen werden, etwa Anglizismen, die auch das Deutsch bevölkern. Die isländische Sprache ist für die Isländer ein Teil ihrer nationalen Identität.

Die deutsche Sprache ist eine großartige Sprache mit einem Riesenwortschatz und unzähligen Kombinationsmöglichkeiten - lassen Sie uns die Möglichkeit der Differenzierung zwischen Du und Sie erhalten und nicht - weil es alles so einfach macht - über Bord werfen.

 

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