von Birgit Schürmann

Warum einem begeisterten Publikum Perfektion wurscht ist

Wir Menschen interessieren uns dafür, wie anderen Menschen sind - wie sie sich verhalten oder was sie erlebt haben. Besonders wenn jemand auf der Bühne steht, wollen wir Zuschauer den Menschen sehen und begreifen. Wir wollen Ecken und Kanten sehen. Schwächen und Menschliches. Das bedeutet für alle Vortragende: Wir dürfen vor unserem Publikum unsere Unperfektion zulassen.

 

Beim Auftritt alles geben versus Tunnelblick

Erst einmal finde ich es richtig, wenn man bei seinem Auftritt alles geben will. Ich gehe an meine Vorträge auch so ran.

Es gibt aber Momente, da behindern wir uns mit einem zu großen Perfektionismus. Es besteht die Gefahr, dass wir einen Tunnelblick bekommen. Das endet oft im verminderten Selbstvertrauen. Man vergleicht sich mit anderen, zerfleischt sich selbst oder verliert sich im Detail. Da gilt es: Für sich die Balance zu finden und zu wissen, wann ist weniger mehr und wann ist Unperfektion auch charmant oder sogar notwendig.

 

Guter Inhalt zählt

Ein guter Inhalt ist das Allerwichtigste. Und wenn ich über Unperfektion spreche, dann meine ich in diesem Zusammenhang keinen Freifahrtschein für mangelhaften oder fehlenden Inhalt. Ich will damit auch nicht sagen, dass man ruhig schlecht vorbereitet in seinen Vortrag gehen sollte, weil Unperfektion ja so hip ist. Andererseits: wenn man seinen Vortrag überprobt, besteht die Gefahr, dass es anschließend zu glatt wirkt und sich der Esprit verliert, der Ihnen Charme verleiht.

 

Nur auftreten, wenn Sie was zu sagen haben

Auftreten sollten Sie nur, wenn Sie auch etwas zu sagen haben. Etwas Wichtiges, etwas, von dem Sie selber begeistert, bestenfalls beseelt sind. Und wenn Sie beseelt von Ihrer Sache sprechen, dann wird sich Ihre Begeisterung übertragen.

Und dann ist es auch egal, wie Sie sprechen. Wie viele Füllwörter sie nutzen. Wie viele Ähs, oder wie viele gewissermaßen oder wie viele irgendwies. Ob Sie sich versprechen oder verhaspeln. Das ist dann vollkommen wurscht, denn davon bekommt Ihr Hörer gar nichts mit, weil er nur auf Ihren Inhalt achtet. Sozusagen an Ihren Lippen hängt.

 

So viele Deutschlehrer

Reden können wir alle. Das Problem ist nur: Wenn es um das Thema Rhetorik geht, mutieren viele Menschen zu besseren Deutschlehrern. Sie meinen plötzlich, die Rhetorik und die Körpersprache muss während eines Vortrags perfekt sitzen. Und dann kritteln sie nach dem Vortrag: Da haben Sie zu viele Pausen gemacht, da zu viel mit den Händen gefuchtelt oder da die Beine überkreuzt!

Der hoch gehängte Anspruch macht Vortragende unsicher. Wenn man Angst hat, einen Fehler zu machen, ist das schon mal eine äußerst ungünstige Voraussetzung für einen guten Vortrag. Anweisungen behindern uns, statt uns zu helfen. Hier bremst ein unnötiger Perfektionismus Energien und hemmt Ihre Kreativität.

 

Freiheit fördert eloquente Rhetorik

In meinen Seminaren erlebe ich, dass die spannendsten Momente entstehen, wenn die Teilnehmer bei ihren Auftritten Spaß haben. Wenn Sie sich frei fühlen. Wenn sie sich auf der Bühne wohl fühlen. Dann reden auch einfach so, wie sie normalerweise reden: ganz unperfekt.

Wichtiger, als den Gedanken im Kopf zu haben: „Das muss perfekt werden!“, ist es, in den Zustand zu kommen, in dem Sie sich am besten entfalten können.

Unsere Emotionen haben einen großen Einfluss darauf, wie unsere Worte aus unserem Mund kommen.

Werde ich beispielsweise von meinem Publikum getragen, dann werde ich umgehend besser und freier. Ich kann sehr witzig sein und wenn ich den Teppich des Publikums bekomme, wenn meine Zuschauer begeistert sind, dann wachse ich über mich hinaus und fahre zur Höchstform auf. Desto freier ich werde, desto unterstützter ich mich fühle, desto eloquenter wird auch meine Rhetorik. Ich vermute, das geht Ihnen nicht anders. Lässt uns dagegen unser Publikum im Regen stehen, steigt unser Stresslevel und das schlägt sich natürlich auch auf unsere Rhetorik nieder.

 

Machen!

Wenn Sie meinen Blog schon länger lesen, dann wissen Sie, dass ich es mag, wenn bei einem Vortrag auch etwas passiert.

Wenn mir den Inhalt eines Vortrags, einer Präsentation, einer Rede nicht nur über die übliche PowerPoint vermittelt wird. Wenn keine staubtrockene Textwüste auf mich zukommt.

Ich liebe es, zu lernen und dabei unterhalten zu werden. Beispielsweise durch Storytelling. Ich finde es toll, wenn sich Vortragende Übungen ausdenken. Ich eigne mir gern anhand von Übungen neues Wissen an. Ich finde es toll, wenn jemand technische Daten rüberbringen will und dabei kreativ wird. Großartig, wenn jemand mit einem ungewöhnlichen Einstieg beginnt.

Und wenn Sie solche Mittel oder Methoden für Ihren Vortrag nutzen wollen, dann müssen Sie die natürlich erst einmal üben. Am besten vor einem Testpublikum, dass es gut mit Ihnen meint. Und dann: Machen! Ausprobieren. Die Wirkung testen. Wenn es nicht so gut läuft, neu überarbeiten. Neue Version. Und vor allem: Mut zur Unperfektion, damit rechnen, dass Fehler passieren und diese bereits einkalkulieren.

 

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