Storytelling: Was wir von erfolgreichen Drehbüchern lernen können

von Birgit Schürmann

Storytelling: Was wir von erfolgreichen Drehbüchern lernen können

Kennen Sie das: Jemand erzählt Ihnen eine Geschichte oder ein Ereignis aus seinem Leben und nach kurzer Zeit langweilen Sie sich? Oder Sie verstehen auf einmal nicht mehr, worum es eigentlich geht? Vielleicht schalten Sie auch ab, weil es Ihnen zu kompliziert wird, die verschiedenen Fäden der Geschichte zu entwirren.

Wenn Sie mit Storytelling in Ihrer Präsentation Kunden für ein Produkt oder Mitarbeiter für eine Idee begeistern wollen, sollten Sie Ihre Zuhörer unterwegs nicht verlieren – sie sollten Ihnen gespannt bis zum Ende zuhören! Geschichten pointiert und spannend zu erzählen, fällt nicht jedem leicht.

Die gute Nachricht ist: Das kann man lernen! Dafür schaue ich heute professionellen Geschichtenerzählern auf die Finger. An ihrem dramaturgischen Handwerk werde ich einige Grundregeln vom Aufbau des Storytelling erklären.

 

Warum „Good bye, Lenin!”?

Ich habe mich für den Film „Good bye, Lenin!“ entschieden. Warum gerade für diesen Film? „Good bye, Lenin!“ ist vielen bekannt und er beschreibt einen Konflikt in einer Welt, die wir alle kennen. Als Vortragende müssen wir die Berufs- und Lebenswelt unseres Publikums aufgreifen. Und diese ist nicht ideal – im Gegenteil! Sie steckt voller Widersprüche. Daran sollten wir uns im Aufbau der Dramaturgie unserer Geschichten orientieren.

Die Hauptrollen von „Good bye, Lenin!“ spielten Daniel Brühl und Katrin Sass. Der Film wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Er erhielt unter anderem 9 deutsche und 6 europäische Filmpreise, darunter 2 Preise für das beste Drehbuch. Ein tolles Drehbuch, aus dem ein vielschichtiger Film entstanden ist. All seine Details greifen ineinander.

Der Drehbuchautor Bernd Lichtenberg und der Regisseur Wolfgang Becker schicken in der Mauerfall – Komödie den 21- jährigen Alex aus Ostberlin auf eine sogenannte Heldenreise. Mit dem verträumten Alex haben sie einen Charakter mit hohem Sympathiewert entworfen, der glaubwürdig und nachvollziehbar agiert.

 

Ein Problem muss her

Gute Geschichte leben von Gegnern oder Problemen, die sich dem Protagonisten in den Weg stellen. Das bündelt seine Kräfte und lässt ihn zur Höchstform auflaufen. Ohne einen emotionalen Konflikt entsteht keine Spannung – je unüberwindlicher das Problem wirkt, je mehr Gegenwind dem Protagonisten entgegenweht und je mehr Fantasie er aufbringen muss, desto interessanter werden die Lösungswege für den Zuschauer.

Ebenso wichtig: Wer ist mit von der Partie und unterstützt ihn? Gibt es einen schillernden Gegenspieler, einen Antagonisten, der ihn bekämpft? Was wäre James Bond ohne einen großartigen Bösewicht, der ihm das Leben zur Hölle macht? Vielleicht gibt es Mitstreiter, die an ihm zweifeln – Tatortkommissare werden regelmäßig entlassen, weil sie ihre Grenzen überschritten haben und ermitteln auf eigene Faust weiter.

Und sollte mal ein Lösungsweg nicht funktionieren: Der Zuschauer bewundert seinen Helden eher für die Versuche, etwas zu lösen, als für die endgültige Lösung.

Zurück zu „Good bye, Lenin“. Hier ist das Problem: Die Mutter von Alex ist eine überzeugte Genossin und lag 8 Monate lang im Koma. Sie hat die Wende nicht miterlebt. Als sie aufwacht, hat Alex Angst, das schwache Herz der Mutter würde die Aufregung über die Wiedervereinigung nicht überstehen. Alle Entscheidungen und Handlungen von Alex ordnen sich seinem Leitmotiv: „Meine Mutter darf auf keinen Fall von der Wende erfahren“ unter.

 

Suchen, suchen, suchen

Er sucht nach Lösungen. Was macht er? Er lässt zusammen mit seiner Schwester in der Plattenbauwohnung die DDR wieder auferstehen. Der Drehbuchautor von “Good bye, Lenin!” baut die Konflikte systematisch auf: Jeder Lösungsversuch von Alex wirft ein neues Problem auf. Die Möbel, die nach der Wende in den Keller verbannt wurden, müssen zurück in das Zimmer der Mutter – ausgerechnet jetzt ist der Fahrstuhl in den 8. Stock ist kaputt. Die Mutter wünscht sich Spreewaldgurken – zufällig wird im Supermarkt das neue Westsortiment eingeräumt! Und auch aus dem Müll lassen sich keine Original Gurkengläser fischen.

Der Autor nutzt Zufälle, um die Situation für Alex schwieriger zu machen. Andererseits nutzt er keine Zufälle, um sie zu erleichtern, das überlässt er der Kreativität von Alex. Alex stöbert auf Flohmärkten nach ausgemusterten DDR Utensilien und heuert Nachbarn und Schulkinder für Geburtstagsständchen in FDJ-Hemden an.

Seine Mutter will Fernsehen gucken. Also fingiert er gemeinsam mit seinem besten Freund Denis, einem Videofreak und angehendem Regisseur, für das vermeintliche DDR Fernsehen Reportagen und Ausgaben der „Aktuellen Kamera“. Immer wieder gibt es unvorhergesehene Ereignisse, die nach neuen Lösungen verlangen und die Geschichte vorantreiben.

 

Wechselbäder der Gefühle

Nichts bringt mehr Schwung in eine Geschichte, als ein Wechsel von Hochs und Tiefs, von Glück und Verzweiflung, von Freude und Trauer. So etwas füttert eine gute Dramaturgie – wir Zuschauer erleben mit Alex ein Wechselbad der Gefühle. Kaum ist eine Lösung in Sicht und wir atmen auf, taucht am Horizont eine neues Tief in Form eines neuen Hindernisses auf und die Spannung steigt erneut.

Einer der Höhepunkte: Die Mutter läuft aus der Wohnung auf die Straße und eine Statue von Lenin fliegt vorbei. Das Denkmal wird gerade mit einem Hubschrauber abtransportiert. Die Geschichte droht immer wieder aufzufliegen, daher bleiben wir Zuschauer unsicher, ob es ein Happyend geben wird. Das hält uns in ständiger Spannung.

 

Der Erwartungshaltung des Publikums widersprechen

Wenn Sie Geschichten erzählen, treiben Sie die Spannung auf die Spitze, indem Sie Überraschungen einbauen, mit denen niemand gerechnet hätte. Vermeiden Sie Offensichtliches! Widersprechen Sie der Erwartungshaltung Ihres Publikums. Kurz vor dem Ende macht sich die Überraschung am besten und treibt die Geschichte in eine völlig neue Richtung. Sie kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden: Entweder durch ein unvorhergesehenes Verhalten eines der Protagonisten, weil neue Fakten ans Licht kommen oder weil die Handlung eine Kehrtwende macht.

So eine Überraschung gibt es auch in Good bye, Lenin – es ist die Lebensbeichte der Mutter. Vor Jahren war der Vater von Alex in die BRD geflohen. Die Mutter hatte immer Kontakt zu ihm gehalten, wollte ursprünglich mit der Familie nachkommen und keiner hat davon gewusst. Diese Information entwirft ein neues Bild der Mutter und der Verlauf der Story bekommt mit dem Auftauchen des tot geglaubten Vaters eine neue Farbe.

 

Der Held wird erwachsen: Ein würdiger Abschied der DDR

Alex wächst unter seiner Bürde. Er beschließt letztendlich, für die Mutter im Fernsehen die Wende in einer ganz eigenen Version nachzuholen: Kurzerhand erklärt er sein Kindheitsidol, den Kosmonauten Sigmund Jähn zum Staatsoberhaupt und lässt ihn verkünden: „Sozialismus, das heißt, auf die Anderen zuzugehen, mit den Anderen leben, nicht nur von einer besseren Welt zu träumen, sondern sie wahr zu machen…schon in den ersten Stunden der Öffnung der Mauer haben Tausende Bürger der BRD die Chance genutzt, der DDR einen ersten Besuch abzustatten….viele wollen bleiben, sie sind auf der Suche nach einer Alternative zu dem harten Überlebenskampf im kapitalistischen System…diese Menschen wollen ein anderes Leben, sie merken, dass Autos, Fernseher und Videorekorder nicht alles sind….nicht jeder ist für die Ellbogenmentalität geschaffen…“.

 

Praxistipp 1: Je größer das Problem, desto besser!

Versuchen Sie, den Gegner oder das Problem möglichst groß und unüberwindlich wirken zu lassen. Wie stellen Sie die Relevanz des Problems dar? Welche Wortwahl eignet sich? Stellen Sie starke positive starken negativen Kräften gegenüber – das erzeugt Spannung! Lassen Sie Ihren Helden den Ruf seines Abenteuers hören. Und „Ja!“ zu seinem Abenteuer sagen.

 

Praxistipp 2: Ihr Held muss alle Kräfte mobilisieren

Ihr Held hat seine Heldenreise angetreten. Beschreiben Sie die ersten Schritte, mit denen Ihr Held versucht, sein Problem zu lösen – je mehr Kräfte er mobilisieren muss, desto interessanter für den Zuschauer! Lassen Sie ihn fortwährend nach neuen Lösungen suchen.

 

Praxistipp 3: Wechselbäder der Gefühle erhöhen die Spannung

Geizen Sie nicht mit nachvollziehbaren Hochs und Tiefs und schicken Sie Ihre Zuhörer in ein emotionales Wechselbad der Gefühle. Streuen Sie Zweifel, ob Ihr Held in der Lage sein wird, das Problem oder den Gegner zu bezwingen. Zufälle sollten die Situation verschlimmern, nicht verbessern! Loten Sie die Abgründe eines Tiefs aus. Und vergessen Sie nicht die peinlichen Momente – Ihr Publikum wird Sie dafür lieben!

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