von Birgit Schürmann

Schlagfertigkeit: Gib mir 10 Minuten, dann habe ich die Antwort

Kennen Sie das? Eine dumme Bemerkung, eine peinliche Situation, jemand stellt Sie bloß - aber leider fällt Ihnen die passende Antwort erst 10 Minuten später ein.

Ich stand mal in Berlin-Friedrichshain auf der Frankfurter Allee spät abends vor einem Schaufenster. In der Auslage: ein paar Klamotten und eine Tasche. Vorbei kam ein junges Pärchen.

Plötzlich rief die Frau rüber: "Na Tussi, die Tasche ist teuer, wa?"

Ich war sprachlos. Gern hätte ich etwas Supercooles, Geistreiches oder richtig Witziges geantwortet, aber heraus kam: Nichts. Ich war einfach nur geplättet. Aber ich kann Sie beruhigen: Schlagfertigkeit kann man lernen.

 

Je absurder, desto besser

Ich habe festgestellt: Je weniger ich mich persönlich angegriffen fühle, desto schneller habe ich eine schlagfertige Antwort parat. Beispielsweise kann ich exakt einparken und das in Nullkommanichts. Da macht mir so schnell keiner was vor. Käme jetzt jemand - nennen wir ihn mal Herr Meier - und würde zu mir sagen:

"Na, Frau Schürmann, heute ein bisschen spät? Mal wieder Probleme mit dem Einparken gehabt?"

Dann würde ich innerlich auflachen und meine Souveränität nicht verlieren. Der Schalk in meinem Nacken würde wach werden und das ist in solch einem Momenten sehr hilfreich. Schlagfertigkeit braucht Spaß am Spiel - je eher Sie bereit sind, eine Logik über Bord zu werden oder unvermittelt auf neue Themen zu springen, desto besser!

 

Vergessen Sie Ihre Argumente

Antworte ich auf „Na, Frau Schürmann, mal wieder Probleme mit dem Einparken gehabt?“ humorlos mit: „Nur weil ich eine Frau bin, heißt das nicht, dass ich nicht einparken kann. Auch Frauen können super einparken, Herr Meier.“, ist das Nullkommanull schlagfertig.

Wollen Sie schlagfertig sein, vermeiden Sie es, zu argumentieren oder ernsthaft überzeugen zu wollen. Wenn, wie in diesem Fall, Herr Meier mit einem Klischee zum die Ecke biegt, akzeptieren sie es bedingungslos. Dann wird schnell klar, dass Sie es nicht ernst meinen können. Am besten, Sie legen noch ein Klischee oben drauf.

Schlagfertige Antworten zeichnen selten ein vernünftiges Bild. Entweder ist es übertrieben, völlig verzerrt oder unsinnig. Je absurder, desto besser!

 

Zustimmen und maßlos übertreiben

In meinem ersten Tipp stecken gleich 2 Techniken: Die Technik der unerwarteten Zustimmung und die Technik der maßlosen Übertreibung.

Sagt Herr Meier also: „ Na, Frau Schürmann, heute ein bisschen spät? Mal wieder Probleme mit dem Einparken gehabt?“ antworten Sie: “Oh ja, ich hatte tatsächlich ein Problem mit dem Einparken. Aber leider haben Sie jetzt ein Problem mit dem Ausparken. Ich stehe nämlich direkt hinter ihnen.“

Jetzt haben Sie drei Dinge gemacht:

1. Herr Meier unerwartet zugestimmt, ihm Recht gegeben.

2. Herrn Meier überboten, sozusagen übertrieben.

3. Herrn Meier´s Formulierung aufgegriffen, sogar ein kleines Wortspiel gesetzt: einparken-ausparken.

 

Gratulation! Sie sind die Erste, die das bemerkt hat!

Unerwartete Zustimmung finde ich vor allem dann sinnvoll, wenn man etwas nicht wegdiskutieren kann. Als ich ins Schaufenster guckte und die Frau rief: „Na Tussi, die Tasche ist teuer, wa!“ hätte ich zurückrufen können:

„Stimmt! Das haben Sie gut beobachtet!“ oder

„Wow, gute Augen!“ oder

„Gratulation! Sie sind die erste, die das bemerkt hat!“

 

Gegenfragen helfen immer

Ich hätte auch eine Frage stellen können. Gegenfragen sind hilfreich, wenn einem partout nichts einfallen will.

Auf „Na, Tussi, die Tasche ist teuer, wa!“ hätte ich antworten können:

„Wie definieren Sie teuer?“ oder

„Ist das ne Umfrage?“ oder

"Soll ich sie Ihnen ausleihen?"

 

Absurd vergleichen

Ein weiterer Tipp ist die Technik des Vergleichs:

Ein Schauspielkollege hat sich mal mit seiner Freundin gestritten. Mittendrin hat sie plötzlich applaudiert und hämisch bemerkt: „Schlecht gespielt, Herr Burgschauspieler!“

Darüber hat er sich wahnsinnig aufgeregt, das konnte ich gut verstehen. Mein Vorschlag war: Konter doch mit einem absurden Vergleich, einer Analogie oder einer ausgefallenen Metapher. Metaphern bringen zwei Welten, die sonst nichts miteinander zu tun haben, zusammen.

Sagt seine Freundin also: „Schlecht gespielt, Herr Burgschauspieler!“ antwortet er: „Was heißt hier spielen? Wärst Du ne Verkäuferin, dann würdest Du mir ja auch nicht beim Frühstück die Brötchen verkaufen!“.

Jetzt hat er drei Dinge gemacht:

1. Auf ihre verbale Spitze mit einem verblüffenden Gleichnis reagiert.

2. Er ist in ihre Bildsprache eingestiegen

3. Ihr wird der Wind aus den Segeln genommen, weil sie über das Bild nachdenken muss.

Dazu kommt: Er bleibt Herr der Lage und hat den Schlagabtausch stilvoll gelöst.

 

Musterbeispiel einer schlagfertigen Antwort

Winston Churchill war für seine Schlagfertigkeit berühmt-berüchtigt. Es gibt einen bekannten Schlagabtausch, sozusagen ein Musterbeispiel einer schlagfertigen Antwort. ich habe ihn schon mal in meinem Blogartikel: "Warum Metaphern in keiner Präsentation fehlen sollten" erwähnt - aber gern nochmal, denn er ist einfach zu schön und Churchill nimmt so geschickt die Bildsprache der verbalen Attacke auf.

Eine verärgerte Dame hat Churchill mit den Worten: „Wenn ich Ihre Frau wäre, dann würde ich Ihnen Gift in den Kaffee schütten!“ attackiert. Er hat gekontert: „Wenn ich Ihr Mann wäre, dann würde ich ihn trinken.“

Das ist nicht plump formuliert, sondern er sagt es durch die Blume. Er macht einen Bogen und diesen Bogen muss der Zuhörer selber ergänzen - das lässt die Antwort so elegant wirken.

 

Lockere Sprüche für den Ärmel

Rudi Carrell hat mal gesagt: "Wenn man einen Spruch aus den Ärmel schütteln will, muss man ihn vorher reinstecken". Schlagfertigkeit kann oder sollte man vorbereiten. Mein Tipp: Merken Sie sich witzige Sprüche oder Zitate und legen Sie sich ein Repertoire zurecht.

Wie wäre es mit 6 Beispiele, die in vielen Situationen passen?

  1. „Sie hätten mich mal gestern erleben sollen!“
  2. „Ich passe mich nur meiner Umgebung an.“
  3. „Da fragen Sie besser meinen Steuerberater/ meine Frau/ meinen Bewährungshelfer/ meinen Personal-Trainer.“
  4. “Mit der Nummer sollten Sie im Fernsehen auftreten!“
  5. „Stimmt! Daran werden Sie sich gewöhnen müssen!“ 
  6. „Wollen Sie mich gleich erschießen oder kann ich mir noch einen Kaffee holen?“

 

Schlagfertigkeit üben

Wie können Sie Ihre Schlagfertigkeit üben?

Sie sollten mindestens zu zweit sein. Drücken Sie Ihrem Gegenüber einen Zettel mit blöden Sprüchen in die Hand. Werfen Sie sich diese blöden Sprüche gegenseitig an den Kopf. Dann üben Sie sich abwechselnd in der freien Assoziation: Antworten Sie ungefiltert und ohne Druck, dass Ihnen etwas Intelligentes einfällt. Sortieren Sie anschließend: Was hat in Ihren Augen gut funktioniert und warum war das eine schlagfertige oder passende Antwort?

 

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