von Birgit Schürmann
Raus aus der Sprachlosigkeit - Trauer steckt nicht an, Schweigen schon
Wenn eine schwere Krankheit plötzlich das Leben begrenzt, ist für die Betroffenen nichts mehr, wie es war. Ihre Welt still. Aber die Welt da draußen dreht sich weiter – grausam schön, unerreichbar schön.
Hilfsbereitschaft darf nicht in Distanz enden
Die Betroffenheit der Gesunden ist groß. Der Wunsch zu helfen auch. Und doch: Oft mündet beides in Sprachlosigkeit. In Ausweichmanövern. Wir meiden Betroffene nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen – also sagen wir lieber gar nichts.
Die Folge? Schweigen umringt den Kranken. Ausgerechnet jetzt, wo Nähe so wichtig wäre. Wo ein einziges ehrliches Wort mehr wiegen könnte als tausend leere Floskeln.
Das Unsagbare sagbar machen
Es ist nicht nur der Tod, der schmerzt. Genauso schmerzt das Schweigen darüber.
Daher mein Plädoyer: Lernen wir, wieder natürlich zu sprechen. Mit denen, die betroffen sind. Mit denen, die trauern. Worte können Angst nehmen. Sie können Nähe schenken. Sie können das Unsagbare ein kleines Stück sagbar machen. Eine Kommunikation, die gelingt, kann dazu beitragen, der Angst vor dem Sterben etwas von ihrer Wucht zu nehmen.
Trauer schmerzt. Trauer dauert. Aber sie steckt nicht an. Wir müssen lernen, sie zuzulassen – denn nur wenn wir sie verdrängen, macht sie krank.
Die Kunst der echten Begegnung
Was brauchen Menschen, deren Zeit begrenzt ist?
- Ihre Anwesenheit. Sie brauchen keine perfekten Worte. Einfach da sein reicht. Aushalten. Nicht weglaufen, wenn es schwer wird. Schweigen darf sein – wenn es ein Schweigen ist, das Raum gibt, das Nähe schafft. Das sagt: Ich halte das mit Dir aus. Ganz anders als das Schweigen, das entsteht, wenn wir wegsehen oder den Kontakt abbrechen. Das eine verbindet – das andere trennt.
- Statt Floskeln eine natürliche Sprache. Ich weiß nicht, was ich sagen soll ist tausendmal wertvoller als Kopf hoch! oder Es wird schon wieder. Diese Sätze mögen gut gemeint sein – sie bagatellisieren, anstatt ernst zu nehmen.
- Zuhören. Wirklich zuhören. Nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Lassen Sie den anderen sprechen – über Ängste, Wut, Trauer. Das ist keine rhetorische Technik. Das ist Menschlichkeit.
Mitgefühl statt perfekte Worte
Und die Trauernden? Unsere Gesellschaft will schnelle Lösungen, wir wollen, dass alles wieder funktioniert: Ist doch jetzt gut langsam!
Trauer folgt keinem Zeitplan. Sie will durchlebt werden. Auch nach Wochen oder Monaten noch zu sagen: Ich denke an dich. Wie geht es dir wirklich? Das gibt Halt.
Bitte vermeiden:
- Du musst jetzt stark sein– Nein, muss er nicht. Er oder sie darf weinen. Darf zusammenbrechen.
- Alles geschieht aus einem Grund – Welcher Grund rechtfertigt dieses Leid?
- Ich weiß, wie du dich fühlst – Nein. Jeder Schmerz ist einzigartig.
- Ruf mich an, wenn du etwas brauchst– Er oder sie wird nicht anrufen. Werden Sie konkret. Bringen Sie Essen. Gehen Sie zusammen spazieren. Rufen Sie selbst an.
Was wirklich trägt:
- Ich bin für dich da – und dann auch da sein.
- Es tut mir so leid – ohne ein Aber.
- Wie geht es dir heute? – und die Antwort aushalten, auch wenn sie lautet: „Beschissen."
- Darf ich deine Hand halten? – Berührung sagt mehr als tausend Worte.
- Erzähl mir von ihm/ihr – Geben Sie dem Verstorbenen Raum. Die Toten verschwinden nicht, wenn wir über sie sprechen. Sie verschwinden, wenn wir es nicht tun.
Menschlichkeit statt Rhetorik
Das war mein Plädoyer für das Stehenbleiben statt Weglaufen. Für das Fühlen statt Verdrängen. Für Worte, die von Herzen kommen – nicht von einer Liste rhetorischer Tricks.
Denn am Ende geht es nicht um Rhetorik. Es geht um Menschlichkeit. Um den Mut, sich dem Schwersten zu stellen, was unser Leben bereithält: dem Abschied.
Wenn wir lernen, mit Sterbenden und Trauernden zu sprechen, lernen wir auch, intensiver zu leben.
Wie sagte Shakespeare: Sei fest bereit zu sterben, denn Tod und Leben, beides wird dadurch süßer.
Gehen Sie hinaus. Haben Sie den Mut, da zu sein – mit all Ihrer unperfekten, ehrlichen Menschlichkeit.
Vielen Dank an Julia Taubitz für ihr Foto auf Unsplash
0 Kommentare