Kann man ein dickes Fell lernen?

von Birgit Schürmann

Kann man ein dickes Fell lernen?

Ein Artikel über den harten Job von Gleichstellungsbeauftragten und warum sie gute Rhetorik brauchen:

Die Gleichstellungsbeauftragte

Erst kürzlich zog eine Gleichstellungsbeauftragte gegen Ihren Arbeitgeber, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, vor Gericht: Man hatte sie bei der Besetzung von Spitzenpositionen im Ministerium nicht rechtzeitig beteiligt, so dass sie keinen Einfluss nehmen konnte. Alle Posten seien mit Männern besetzt worden.

 

Jeder kann zu ihr kommen

Die Gleichstellungsbeauftragte Kristin Rose – Möhring hat auf ganzer Linie Recht bekommen – auch für die Besetzung von Spitzenpositionen gelte, dass sie früh informiert werden müsse, um am Entscheidungsprozess teilnehmen zu können. Die Verteidigung der Familienministerin Schwesig führte in einem Schriftsatz an, Frau Rose-Möhring gehe es nicht um die Verbesserung der Rechtsposition, sondern darum, formal vor Gericht einen Sieg zu erlangen. Zur Einigung sei sie nicht bereit. Hier wird deutlich: Nicht selten werden Gleichstellungsbeauftragte (GleiB) als „notwendiges Übel“ angesehen und zuweilen sogar offen angefeindet.

Dabei ist das doch eigentlich eine prima Sache: eine Person ist dafür zuständig, darauf zu achten, dass niemand benachteiligt wird. Ob Mann oder Frau. Und das ist sogar gesetzlich verankert. Sie hat eine Sprechstunde. Jeder kann zu ihr kommen und sein Herz ausschütten. Auch männliche Herzen.

Laut dem Bundesgleichstellungsgesetz aus dem Jahre 2001 ist in jeder Dienststelle oder Unternehmen ab 100 Mitarbeitern eine Gleichstellungsbeauftragte zu wählen. Männer werden mitgezählt. Es wählen nur die weiblichen Beschäftigten. Und nur eine Frau kann eine Gleichstellungsbeauftragte werden.

 

Männer fordern Gleichberechtigung

Dieser Wahlvorgang ruft einige Männer auf den Plan – echte Gleichberechtigung hieße, dass auch ein Mann Gleichstellungsbeauftragter werden müsse.

WikiMANNia, ein Internetportal, das sich als „Antithese zur feministischen Opfer- und Hassideologie“ versteht, fordert: „Schluss mit dem geschlechtsbedingten Berufsverbot!“. An dieser Stelle werfen sich Fragen auf: Braucht man für solch einen idealistischen und sozialen Einsatz nicht jemanden, der selbst betroffen ist?

Haben Männer dasselbe Interesse an der Gleichstellung der Frauen, wie Frauen? Würde sich ein Mann ebenso für die Rechte der Frauen engagieren, wie es eine Frau täte? Beispielsweise für gleiche Entlohnung?

 

Für was sind GleiB zuständig?

GleiB wirken bei einer Dienststelle oder bei einem Unternehmen bei allen personellen, organisatorischen und sozialen Maßnahmen mit, die die Gleichstellung zwischen Mann und Frau, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie den Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betreffen. Also bei

  • Arbeitsplatzausschreibungen
  • Bewerbungsgesprächen
  • Auswahlverfahren bei Einstellungen und Beförderungen
  • Versetzungen und Kündigungen
  • Unterstützung der Fortbildung der Mitarbeiter
  • der eigenen Fortbildung
  • Erstellung oder Mitarbeit vom/ beim Gleichstellungsplan
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer
  • Teilzeitarbeit, Telearbeit, Beurlaubungen
  • Wechsel zur Vollzeitbeschäftigung, beruflicher Wiedereinstieg
  • Einrichtung einer Sprechstunde für alle Beschäftigten
  • Einberufung mindestens einer Vollversammlung der weiblichen Beschäftigten pro Jahr
  • Maßnahmen zum Schutz vor sexueller Belästigung.

 

Eine GleiB kann auch für einen Landkreis, eine Gemeinde oder einen Bezirk zuständig sein. Dementsprechend verändern sich ihre Aufgaben. Sie wird vom zuständigen Bürgermeister, dem Landrat oder der Verwaltung bestellt, sprich benannt. Zuständig ist sie für

  • die Förderung der Gleichstellung von Frauen im Rahmen des Landkreises und der Gemeinde
  • die Förderung des Bewusstseinswandels der Gleichstellung
  • die Zusammenarbeit mit örtlichen Frauengruppen, Initiativen, Verbänden und Selbsthilfeorganisationen
  • den Erfahrungsaustausch mit den Gleichstellungsbeauftragten anderer Kommunen, Länder und des Bundes
  • das Einrichtung einer Sprechstunden für Einwohnerinnen
  • das Erstellen eines Förderberichtes
  • die Initiierung, Durchführung und Unterstützung von Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen und beruflichen Situation von Frauen
  • das Unterrichten der Öffentlichkeit durch Informationsveranstaltungen
  • das Erstellen von Infomaterial und Ausstellungen
  • die Pressearbeit über Ziele und Ergebnisse
  • in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt: Stellungnahmen und Empfehlungen
  • die Zusammenarbeit mit gesellschaftlich relevanten Gruppen, Betrieben, Behörden

 

Austausch ist alles

Manchmal ist sie die erste GleiB des Unternehmens, der Dienststelle, der Gemeinde. Dann ist guter Rat teuer. Wer arbeitet sie ein? Wer umreißt ihr Amt, ihre Rolle? Niemand. „Such Dir mal alles zusammen“. Eine GleiB steht meist allein da. Vielleicht hat sie noch eine Stellvertreterin. Der geht es ähnlich. Und sie sind nicht weisungsgebunden, das heißt: Niemand sagt ihnen, was sie zu tun und zu lassen haben. Die totale Freiheit in einem großen Gebiet. Einige Frauen können damit gut umgehen, andere nicht.

 

Praxistipp

Die Devise heißt ab jetzt: lernen durch regelmäßigen Austausch. Durch Kommunikation mit anderen GleiB, gegenseitige Beratung und Planung gemeinsamer Aktivitäten, sich treffen und unterstützen in Netzwerken, Fachausschüssen, Arbeitsgemeinschaften, Projektgruppen und Gremien.

Das kann zeitlich eng werden – zwar sieht das Bundesgleichstellungsgesetz vor, sie von ihrer regulären beruflichen Tätigkeit freizustellen, wie es nach Art der Dienststelle die Erfüllung der Aufgaben fordert. Laut dem Gesetz soll die Freistellung mindestens die Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit betragen oder bei Dienststellen von 600 Mitarbeitern sogar die ganze Stelle – tatsächlich üben einige Gleichstellungsbeauftragte ihren eigentliche Beruf in Vollzeit aus und es wird erwartet, dass sie das Amt „nebenher“ erledigen. Und selbst bei denen, die zur Hälfte freigestellt sind, reicht die Zeit kaum aus, um alle Aufgaben zu bewältigen.

 

Kenne Deine Rechte

„Wer wird es gleich so eng sehen, nur weil man mal vergessen hat, ein paar Informationen rüberwachsen zu lassen? Da muss die doch nicht gleich so pingeling sein!“ Oberste Priorität einer GleiB: sich mit Gesetzen auskennen. Mit dem Landesgleichstellungsgesetz, dem Bundesgleichstellungsgesetz, dem Gleichbehandlungsgesetz, dem Dienstrecht, dem Personalvertretungsgesetz, dem Organisationsrecht, dem Haushaltsrecht, dem Grundgesetz und dazu kommen rechtliche Bestimmungen, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Unterstützend zur Liste der Paragrafen, die eine GleiB kennen sollte und die sie bei Bedarf anderen unter die Nase halten muss, benötigt sie ein gehöriges Maß an Durchsetzungsfähigkeit und Konfliktfähigkeit.

Ob in Gesprächen mit der Geschäftsleitung, mit dem Betriebsrat oder mit Trost suchenden Besuchern der Sprechstunde – hier sind Kenntnisse in guter Gesprächsführung gefragt, die Fähigkeit, ein wertschätzendes Gesprächsklima herzustellen und eine respektvolle Gesprächskultur aufzubauen. Die eigenen Konfliktstrategien sollten überdacht werde. Eine große Rolle spielt ebenfalls ihr Verhältnis zur Geschäftsführung: ein schlechtes Verhältnis kann viel Energie ziehen und unter Umständen vor Gericht landen. Und „Krawallschachteln“ werden schnell stigmatisiert und der hausöffentlichen Lächerlichkeit preisgegeben. Das hält nicht jede aus.

 

Da kommt die GleiB schon wieder!

Eine Gleichstellungsbeauftragte ist Teil der Personalverwaltung. Im Gegensatz zum Personal-/ Betriebsrat. Dieser vertritt die Interessen der Beteiligten gegenüber der Personalverwaltung. Also auch gegenüber der GleiB. Daher kann sie nicht gleichzeitig dem Personal-/ Betriebsrat angehören. Um ihre Unabhängigkeit bei der Prüfung von Personalangelegenheiten zu sichern. Sie ist als Erste zu beteiligen. Noch vor dem Personalrat. Sie ist bei allen Gesprächen, die das Personal betreffen, dabei. Ob es den anderen passt oder nicht. Manchmal bekommt sie das zu spüren: eingeladen, weil es im Gesetz steht, aber nicht unbedingt willkommen. „Sitzt halt mit im Zimmer“. Sie bekommt Interna und Beurteilungskriterien zu hören: „Die sah doch super aus!“.

Es kann vorkommen, dass sie sich gegen den Personalrat wendet. Beliebt macht sie das nicht. So eine Situation fordert gleichzeitig Mut und Fingerspitzengefühl. Unter Umständen sitzt sie zwischen den Fronten. Da sind rhetorische Kompetenzen gefragt: Wie kann sie klar und unmissverständlich ihre Interessen formulieren oder durchsetzen, ohne persönlich zu werden? Gespräche – auch wenn es heiß hergeht – auf der Sachebene halten, ihre Argumentation aufbauen? Wohlweißlich hat man Gleichstellungsbeauftragte – ebenso wie die Mitglieder eines Personalrates/ Betriebsrates – gesetzlich vor Kündigungen, Versetzungen und Abordnungen geschützt.

 

Querulantenverein – Taschentücher bereithalten

„Da rennen doch nur die Querulanten hin!“. Angenommen, eine Person besucht die Sprechstunde einer Gleichstellungsbeauftragten. Sie fühlt sich ungerecht und nicht gleichberechtigt behandelt. Es ist nicht einfach zu unterscheiden: was ist wirklich nicht gleichberechtigt und was liegt in der Persönlichkeit der Person und nervt alle?

„Die meckert immer!“? Wo genau liegt das Problem? Die Gleichstellungsbeauftragte sollte unterscheiden können: Ist wirklich sie in ihrer Funktion für diese Person und ihr Problem zuständig oder ist es vielleicht der Betriebsrat oder der Geschäftsführer? Eine GleiB braucht viele soziale Kompetenzen, in erster Linie in offenes Ohr. Sie sollte Taschentücher für Tränen bereitstellen und Interessen vertreten, eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre herstellen und zuhören können. Emphatisch sein, verschwiegen und loyal sowie ein Ratgeber, der Lösungswege aufzeigen oder anschieben kann. Sie sollte Konflikte schlichten können und gegebenenfalls Dritte zur Konfliktschlichtung einladen sowie sensibel in der Gesprächsführung vorgehen – besonders, wenn es sich um heikle oder persönliche Themen handelt.

 

 

Sind wir eigentlich alle emanzipiert?

Sind wir wirklich gleichberechtigt? Ist Emanzipation Schnee von gestern? Ist Gleichstellungspolitik überflüssig? Werden wir in unseren Berufen gleich behandelt, erhalten die selbe Bezahlung und haben dieselben Chancen?

Wenn man einen Blick auf viele Kulturbetriebe wirft, kann man das weiterhin verneinen. Beispielsweise an Theatern: Dort werden hohe Werte auf der Bühne vertreten, aber es gibt unterschiedliche Bezahlung der Künstler und Künstlerinnen durch Verträge, die bestimmen, dass Gehälter frei ausgehandelt werden. Chancenungleichheit für Künstlerinnen ab 35 ist an der Tagesordnung, ebenso gibt es kaum noch Rollen, wenn ja, kleine Nebenrollen. In den letzten Jahren erfolgte durch Sparmaßnahmen ein rapider Abbau der Stellen für Künstlerinnen. Ab 50 werden sie häufig in Garderobieren oder Souffleusen „umgeschult“, während ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen gut zu tun haben – und auch nach der Rente für Inszenierungen als Gast angefragt werden.

 

Fazit

Frauen und Männer sind noch nicht in allen Punkten gleichberechtigt.

Aus diesem Grund wurde – gesetzlich verandkert – das Amt der GleiB ins Leben gerufen. Leider kein einfacher Job: Schon, dass diese Amit nur von einer Frau ausgeführt werden kann, ist umstritten. Zuweilen wird die Tätigkeit nicht ernst genommen oder offen angefeindet.

Dabei trägt eine pingelige und durchsetzungsstarke GleiB zur Gleichberechtigung in unserer Welt bei. Darin sollte sie dabei unterstützen – mit Verständnis und Akzeptanz. Und Weiterbildungen, die ihr dickes Fell stärken.

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