von Birgit Schürmann

Storytelling: Wie Sie humorvolle Geschichten erzählen - Horst Evers zu Gast

Ein Interview mit dem Geschichtenerzähler, Autor und Kabarettisten Horst Evers. Witziges Storytelling will gelernt sein. Wie werden Ihre Alltagserlebnisse so komisch, dass Ihnen die Zuhörer Ihrer Präsentation an den Lippen hängen?

Wie erzähle ich meinen Alltag so, dass mein Publikum es komisch findet?

Das ist tatsächlich nicht so einfach. Man muss sich vorher überlegen, was möchte ich erzählen, warum möchte ich das erzählen und was ist das Besondere. Wenn man, so wie ich, über 2-3 Stunden erzählt, ist es wichtig, dass jede Geschichte eigen ist. Das es kein echtes System gibt, dass man nie weiß: Ahh, so erzählt er die Geschichte, so baut er sie auf - das würde dann nach kurzer Zeit sehr langweilig werden.

Die Geschichten sind wie mit guten Freunde: Jeder ist anders, jeder funktioniert auf eine andere Art und Weise und mit jedem musst du anders umgehen. Und so ist es auch mit dem Alltag, du hast permanent verschiedene Alltagssituationen und jede verdient eine andere Behandlung.

Das Schöne ist aber: in dem Moment, in dem du versuchst, es wie eine Geschichte wahrzunehmen und Du einen Abstand dazu hast. Sobald es dir gelingt, einen Abstand dazu zu haben, alles von außen zu betrachten und die ganze Situation logisch aufzuschlüsseln, erkennst du die Absurdität bei allem, was du tust, selbst bei relativ einfachen Sachen.

In dem Moment hast du einen Zugang zur Komik.

Und wenn diese Komik dann gelingt und wenn man sie dann darstellt, dann nähert man sich schon einer Geschichte. Ob die Geschichte dann in sich funktioniert, ob sie spannend oder interessant ist, das steht dann auf einem ganz anderen Blatt.

 

Woran erkennen Sie, dass ein Erlebnis das Potential für eine gute Geschichte hat?

Die wichtigste Regel für mich, auf die ich mich auch immer verlasse: Was ich interessant und komisch finde, finden auch andere interessant und komisch.

 

Ist es auch okay, Peinliches erzählen? Dinge, die ich nicht gebacken bekommen habe? Situationen, über die mich im nachhinein schäme?

Dinge, die ich gut erklären kann, die wahnsinnig peinlich sind, aber wenn keine böse Absicht dahinter steckt und man gerät da hinein, die erzähle ich mit großer Freude. Da bin ich sehr dankbar, da habe ich das Selbstbewusstsein zu sagen: das macht mich überhaupt nicht kleiner.

Das Schöne ist: Du kannst mit den Leuten über alles reden.

Was immer auch passiert - es gibt auf der Bühne keine Panne, kein Problem oder irgendwas, weil du immer alles erklären kannst und die Leute Verständnis haben. Wenn Du reinen Herzens bist, wenn deine Absichten klar und freundlich sind, kannst Du machen, was Du willst.

Wo es düster wird, wenn man die Absicht spüren würde: Da steht jemand auf der Bühne, weil er berühmt sein will, weil er viel Geld verdienen will, das ist furchtbar. Aber in dem Moment, in dem du auch zu dir selbst sagen kannst: Ich bin hier, weil ich gern meine Geschichten erzählen würde, weil ich etwas mitgeben will, dann kannst du erzählen was du willst, weil es immer richtig und berechtigt ist.

 

Welche Stilmittel nutzen Sie?

Was das Erzählen angeht, den Aufbau von Geschichten und das Schreiben von Geschichten, da bin ich schon ein hartgesottener Profi. Ich habe es studiert, sehr viel gelesen, schaue viele Serien, viele Kollegen an und weiß von vielen Möglichkeiten, wie man eine Geschichte aufbaut.

Es ist wahnsinnig wichtig, sich Handwerkszeug beizubringen. Handwerkszeug braucht man auch bei der Schauspielerei. Es ist keine Hexerei und kein Aberglaube, sondern irrsinnig wichtig. Wenn Du über zwei Stunden erzählst, kannst Du nicht immer denselben Aufbau haben, das wird furchtbar. Jede Geschichte muss anders sein, etwas besonderes haben und anders funktionieren.

Unterm Strich sind es immer drei Ebenen, mit denen man zu arbeiten hat: Es ist der Kontext, warum du es erzählst, in welchem Kontext du es einbaust und warum es für die Leute interessant sein könnte. Wenn Du etwas nimmst, was einer normalen Situation entstammt, in der sich jeder zuhause fühlt. Wenn sich die Zuhörer heimisch und geborgen fühlen. Dann können die überraschenden Wendungen kommen.

Der zweite Punkt ist die Fallhöhe und der dritte - das ist bei Komik das A und O - das Timing.

Kontext, Fallhöhe und Timing, die drei Punkte brauchst Du für alle Geschichten. Jede Geschichte, jedes Erlebnis, sollte man ernst nehmen. Man kriegt mit, wenn man es falsch macht und die Geschichte anders betreut werden muss. Dazu muss man die Geschichte auch gern haben. Ich sehe sie als Freunde an, mit denen ich unterwegs bin, die natürlich von Abend zu Abend schon mal Hilfe brauchen und manchmal muss man ihnen auch ein ganz neues Styling verpassen.

 

Wie lange dauert es, bis Sie mit einer Geschichte zufrieden sind?

Das ist unterschiedlich. Es gibt in der Tat Geschichten, die habe ich einmal erzählt, einmal aufgeschrieben und sie haben sofort gestimmt. Es zeigt sich, dass das die oft allerbesten Geschichten sind. 

Ich habe verschiedene Grundregeln, an die ich mich versuche, zu halten. Eine davon ist: Die Geschichte hat immer recht.

Natürlich habe ich überlegt, was ich mit der Geschichte möchte und welche Funktion sie im Laufe des Abends hat. Aber wenn ich anfange zu erzählen oder aufzuschreiben und merke, nee, die Geschichte will eigentlich in eine andere Richtung, sie will was anderes, das hat nichts damit zu tun, wo ich mit der Geschichte hin will - dann bringt es nichts, sich gegen die Geschichte zu stellen, dann muss ich ihr einfach folgen und sie so nehmen wie sie ist.

Aber ich bin auch begriffsstutzig und brauche eine Weile, bis ich verstanden habe, wie die Geschichte erzählt werden möchte. Manchmal kriegt man eine Naturwüchsigkeit geschenkt. Schon beim ersten Schreiben wird klar, man muss nie wieder was dran machen und niemand stellt eine Frage. Manchmal braucht es ewig, brauche ich 3-4 Monate, weil es immer künstlich und konstruiert wirkt, bis ich dann irgendwann einen Fluss reinkriegen, alles in sich einen Sinn ergibt und zu einer schönen Geschichte führt.

 

Während Ihren Vorstellungen hatte ich den Eindruck, Sie sprudeln nur so vor Kreativität. Wie ein immerwährender Quell. Gibt es auch Tage, an denen bei Ihnen nichts funktioniert?

Eigentlich nur....Ich habe immer mit der Länge des Abends zu kämpfen. Das Tolle an der Bühne ist ja das Adrenalin. Das kriegt man geschenkt und letztlich ist jeder Auftritt ist wie ein Fallschirmsprung: in dem Moment, in dem es losgeht, das Adrenalin reinschiesst und man glüht. Irgendwann hat man den Schirm auf und hat auch die Kontrolle über den Flug, gleitet so dahin und genießt es. Das könnte man stunden- bzw. wochenlang machen, weil es so schön ist.

Der Adrenalinstoß gibt einem Superkräfte. Man wird nicht müde und bleibt lange auf dem Level. Ich könnte das sehr lange machen, weiß aber, dass es für die Leute irgendwann anstrengend wird und hab deshalb das Problem, dass ich zuviel Programm habe. Und dadurch entsteht der Eindruck des Sprudelnden, weil ich jeden Abend auswählen muss. Ich weiß, ich kann nicht alles erzählen und versuche das zu erzählen, was ich am Liebsten erzähle, was mir am Wichtigsten ist, natürlich auch am Lustigsten ist und in sich einen Bogen ergibt.

Aber dadurch, dass ich mich jeden Abend entscheiden muss, was erzählst Du, was erzählst Du nicht, dadurch wirkt es im besten Falle auch wie ein nicht enden wollender Quell.

 

Wie machen Sie sich vor Ihrer Vorstellung frei? Wie kommen Sie in Fahrt?

Ich habe 5 Minuten vor der Vorstellung eine irrsinnige Angst. Ich bleibt jetzt mal beim Beispiel des Fallschirmsprungs: die Angst, aus dem Flugzeug rauszuspringen, ist bei mir wahnsinnig groß, löst einen irrsinnigen Adrenalinschock aus und macht mich gleichzeitig auch frei. Wenn ich jetzt nicht rede, macht es das nicht besser...

Das Adrenalin habe ich am Schreibtisch nicht. Wenn eine Geschichte einmal da ist und in ihrer Grundform funktioniert, dann schenkt einem das Adrenalin die eine oder andere überraschende Wendung dazu. Auf einmal sieht man etwas, was man am Schreibtisch nie gesehen hätte und das freut mich wahnsinnig, wenn ich mich traue, das noch mit anzufügen und das dann funktioniert. Dann müsste ich unter normalen Umständen die Vorstellung kurz unterbrechen, weil ich mich einen halbe Minute selbst sehr darüber freue.

Viele Sachen, die du am Schreibtisch oder bei den Proben gesagt hast, bei denen man denkt: Oh ja, das hat eine schöne Wirkung, das macht einen Raum auf!, und dann sagst du es auf der Bühne und es ist, als sprichst du es wie in einen Karton...

 

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie die absolute Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer haben und dass sie Ihre Art, Geschichten zu erzählen, super finden?

Ein ganz wichtiger Moment, mein eigentlicher Schlüsselmoment war, als ich vor 10-15 Jahren auf einmal begriffen habe:

Es geht auf der Bühne nicht darum, etwas vorzulesen, vorzustellen oder vorzuspielen oder sondern darum , 2,5 Stunden mein eigenes Leben zu leben und es mitzuerleben. Mir keine Gedanken darüber zu machen: was führe ich vor? Sondern mir Gedanken darüber zu machen: wie bin ich jetzt?. Was mache ich jetzt gerade? Wie erlebe ich es selbst? Und den Auftritt nicht mehr als Aufgabe anzusehen, sondern als eigenes Erlebnis. Ich erlebe das jetzt und es ist ein Riesenglück, dass ich das machen darf. Das ist auch meine Lebenszeit hier und ich möchte eine richtig gute Zeit haben. Auch ich möchte Sachen erleben, die mich überraschen, in dem was ich rede und deshalb gebe ich mir auch diese Freiheit.

Seitdem ich das begriffen habe, habe ich noch mal eine ganz andere Freude an dem, was ich tue.

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