Frei Reden im Bundestag

von Birgit Schürmann

Frei Reden im Bundestag

Ein Interview mit Roderich Kiesewetter, Mitglied des Bundestages und Unionsobmann der Außenpolitik:

Herr Kiesewetter, danke, dass ich heute bei Ihnen im Bundestag zu Gast sein darf! Ich habe mir Reden von Ihnen angesehen und mir fiel auf, dass Sie ohne Manuskript von Ihrem Platz zum Rednerpult gehen. Halten Sie Ihre Reden frei?

Ja, ich halte meine Reden grundsätzlich frei, weil ich der Auffassung bin, dass wir im Bundestag lebendigere Debatten brauchen. Dazu muss ich mich natürlich auch sehr gut vorbereiten, ich halte keine auswendigen Reden, weil man dabei nicht flexibel ist.

Aber ich habe ein paar Gedanken und Botschaften, die ich in die Rede einbaue und dadurch bin ich auch bereit, andere Ideen und Argumente aufzunehmen und in der Diskussion, in der Debatte lebendiger aufzugreifen. Aber ich gehe schon sehr gut vorbereitet in die Rede, auch wenn ich kein Manuskript mitnehme.

 

Auch freies Reden braucht eine Struktur. Meist hat man dann eine Struktur im Kopf, mit der man dann seine Themen in einer möglichen Reihenfolge anordnet. Wie machen Sie das? 

Ich überlege mir im Vorfeld meiner Rede - ich erfahre das 2-3 Tage vor dem eigentlichen Redetermin - was meine Kernbotschaften zu dem Thema sind. Dann überlege ich: Was weiß ich über das Thema? 

Danach setze ich mich mit meinem Büro zusammen und stelle dem Büro bzw. 2-3 Leuten meine Gedanken vor und setze sie der Kritik aus. Mein Büro weiß in der Regel immer mehr als ich und wir entwickeln gemeinsam ein paar Kernbotschaften.

Wenn eine Rede nicht mehr als 5 Minuten dauert, mache ich in der Regel nicht mehr als 3 Botschaften: Die den geografischen Rahmen absteckt, die die wesentlichen Handlungsfelder umfasst und die Auswege aus dem Dilemma oder Lösungsvorschläge aufzeigt. Das wäre ein Beispiel für einen Dreiklang.

Und wenn wir das entwickelt haben, dann variieren wir die Botschaften so, dass ich sie unabhängig voneinander anbringen kann - je nachdem, wie die Debatte verläuft - so dass ich die Gedanken der Vorredner aufgreifen kann oder wenn noch ein Vorwurf im Raum steht, dass ich das entweder entkräfte oder mit einem Gegenangriff in eine bestimmte Position bringe.

Das bedarf allerdings erheblicher inhaltlicher Vorbereitung.

Und auch der Vorbereitung der Kernbotschaften, die wir schriftlich niederlegen: Die lerne ich nicht auswendig, sondern ich positioniere sie in meinem Hirn (ich nenne das jetzt einfach mal so), wie wenn ich gedanklich in einem Raum um einen Tisch herumgehe und dann die einzelnen Punkte von einem Tisch abgreife.

Wenn es 3 Sachen sind, ist es relativ einfach, das ist ein kleiner Tisch und wenn ich eine größere Rede habe - über 10 oder 12 Minuten - dann nehme ich  auch Tische und Stühle dazu.

 

Wenn Sie Ihre Reden mit Ihrem Team selber verfassen, was ist Ihnen dabei wichtig?

Die Rede muss aktuell sein. Sie sollte Lösungsvorschläge anbieten, sie vertritt in der Regel auch die Position meiner Partei und es ist mir wichtig,  das alles in Einklang zu bringen. Dann ist mir wichtig, dass ich auch persönliche Überlegungen und Überzeugungen mit einbringen kann und ich habe 5 Leitmotive, die ich immer wieder anwende.

 

Haben Sie eine bestimmte Struktur in Ihren Reden?

Ich schaue erst einmal, in welcher Rednerreihenfolge ich bin. Wenn ich erster Redner bin, dann kann ich ganz klar den Auftakt machen und die Botschaften setzen. Wenn ich mittendrin dran bin, achte ich sehr darauf, was die Vorredner sagen, beispielsweise ob ich unmittelbar nach einer Oppositionspolitikerin spreche.

Nach der Begrüßungsformel steige ich entweder mit einem Beispiel, mit einem Zitat oder mit einem Datum, das wichtig ist, ein, und arbeite mich dann an den regionalen Kontext heran. 

Am Schluss kommt immer ein Aufruf: Sei es, ein Gesetzesvorhaben zu unterstützen oder eine bestimmte Initiative zu ergreifen. Ich versuche, nicht nur zu beschreiben sondern auch - wenn normativ nicht geht - klar zu machen, dass man sich positionieren muss!

Und auch klar zu machen, wo ich stehe, so dass es nicht nur eine rein deskriptive Beschreibung von irgendwelchen Verhältnissen ist, sondern auch die klare Botschaft, wo ich mich verorte. 

 

Haben Sie Lampenfieber?

Ja, klar. Zu jeder Rede gehört für mich Lampenfieber - also eine gewisse Grundaufregung - die aber sofort weg ist, wenn mein Name aufgerufen wird oder ich nach vorne gehe. 

Für mich ist es ein inneres Zeichen, dass ich mich intensiv mit der Thematik beschäftige. Eine kurze Aufregung oder Nervosität davor führt bei mir dazu, dass ich noch einmal geordnet die Gedanken durchgehe, Gegenargumente durchgehe und dann bin ich eigentlich präzise bei der Sache.

Wenn das nicht der Fall ist, dann kommt es mir ein bisschen spanisch vor. Aber das ist in der Regel nur dann der Fall, wenn ich wirklich absolut sicher in den Themen stehe, wenn es ein Routinetermin ist - aber ich bin froh, wenn keine Routinetermine sind.

 

Lassen Sie auch Zwischenfragen zu?

Ja, das habe ich mir im Laufe der 6 Jahre im Bundestag angewöhnt, denn wenn man keine Zwischenfragen zulässt, folgt hinterher eine Kurzintervention, auf die man dann doch antworten sollte. Wenn ich eine Kurzintervention provozieren will, dann beantworte ich natürlich keine Zwischenfragen, dann habe ich die Gelegenheit, nach der Rede noch mal länger zu reden.

Aber in der Regel ist es für mich hilfreich, Zwischenfragen zuzulassen: Erstens gewinnt man etwas Zeit, zweitens kann man in dieser Zeit, in der die Frage gestellt wird, noch mal überlegen und drittens kann ich in der Beantwortung weitere Botschaften unterbringen. Wenn sie klug ist, erlaubt sie das, wenn die Zwischenfragen dumpf oder nur polemisch ist, kann man das auch mit Schlagfertigkeit herausstellen. 

Im Grunde genommen bieten Zwischenfragen mehr Chancen als Risiken.

 

Ich habe den Eindruck, Sie überdenken Ihre Argumente sehr genau. Welchen Tipp können Sie für eine gute Argumentationskette geben?

Dass sich Redner im Vorfeld erst mal Gedanken machen, was sie eigentlich sagen wollen. Es hilft wenig, wenn man mit einem fertigen Manuskript nach vorne geht, das einem irgendjemand aufgeschrieben hat, das ist im Zeitdruck in Ordnung. Aber der Anspruch von Rednern sollte sein, das Wissen, das man hat, die notwenigen Tatsachen, die es gibt, die Linie, die die Partei vertritt und eigene Vorschläge zur Lösung in Kombination zu bringen. 

Deshalb ist das Reden verfassen - auch wenn man es frei macht - und das Reden halten, etwas absolut Kreatives. Und für kreative Menschen eine besondere Herausforderung. Und das ist eigentlich das, was mir Spaß macht: Dass ich Reden als Chance nutze, Positionen zu entwickeln und sie auch werbend rüber zu bringen.

Was ist denn schöner, als wenn man - wie beispielsweise im Handwerk, was man selber meißelt oder mit dem Schreinerhobel bearbeitet - was ist denn schöner, als die eigene Rede zu einem Produkt zu entwickeln, in der Persönlichkeit, eigene Überlegungen und die Interessen der eigenen Koalition zum Ausdruck kommen?

Und das ist schon etwas, was mit Kunst zu tun hat: Wenn man Kunst mit Können verknüpft.

Das ist ein sehr hoher Anspruch - ich werde dem überhaupt nicht gerecht - aber als Anspruch ist es gut, weil es eine innere Ermahnung ist, eine Rede zu halten, damit die Leute, die zuhören, etwas mitnehmen.

Weil ich glaube, es muss der Anspruch sein, dass die Leute nach einer Rede mehr Impulse erhalten, als wenn sie die Rede nicht gehört hätten.

Wenn das gelingt, dann kann ich auch - nicht nur im außenpolitischen Bereich, sondern grade auch in der Politikvermittlung - für etwas mehr Hoffnung in die Politik und Glaubwürdigkeit der Politik werben.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben