von Birgit Schürmann

Duzen Sie mich nicht! Warum das Deutsch mehr als ein Du verdient hat

Erst duzt mich IKEA. Dann bekomme ich als Podcasterin, die ihre Hörer siezt, Feedbacks von Jungschnöseln, die mich gnadenlos anduzen. Mach Dich doch mal locker, Frau Schürmann! Jetzt auch noch XING. Hallo?

Xing ist gerade mal 16 Jahre alt und ich somit die Ältere. Hätten Sie, liebes Karrierenetzwerk XING, einen Blick auf die Knigge-App geworfen, wüßten Sie, dass man das Du anbietet. Und die Antwort unter Umständen auch Nein! heißt. Knigge hätte Ihnen auch gesteckt: Einseitiges und ungefragtes Duzen ist respektlos.

 

Schafft ein Zwangs-Du Nähe?

Okay, verehrtes Netzwerk, Sie informierten mich in einer Mail, warum das „Sie“ jetzt passé ist: „Das „Du“ schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt. Schließlich kommt man mit dem „Du“ deutlich leichter zum „Wir“ als mit dem traditionellen „Sie“. 

Jetzt frage ich mich, liebes Xing: Wenn ich in meiner Entscheidung übergangen werde, wie soll ich mich Ihnen näher fühle? Worauf soll sich die emotionale Verbundenheit aufbauen? Wieso wollen Sie mir überhaupt Nähe suggerieren und sich in mein Leben schleichen? Sind wir Freunde oder gar miteinander verwandt?

Und nun, was jetzt? Mich über jede Mail von Xing, die sich vertraulich mit „liebe B.“ an mich heranduzt, ärgern? Account löschen? Oder das Du, wie eine Hand, die sich auf ungefragt auf meinen Rücken legt, stoisch ertragen?

 

Hallo ich bin die Jule. Wie geht´s Dir? 

Immer mehr Unternehmen entscheiden sich fürs Du. IKEA first. Dann REWE. DOUGLAS steht auch schon in den Startlöchern. Kürzlich wurde ich in einem angesagten Sportbekleidungsgeschäft von einer jungen Mitarbeiterin mit: „Hallo, ich bin die Jule. Wie geht’s Dir?“ angesprochen. Ich brauchte eine Minute, um mich wieder zu fangen. Gottseidank hat Jule die Minute so sympathisch abgewartet, dass ich nicht auf der Stelle das Weite suchte. 

Was erwartet man von mir? Dass ich Jule, einer mir bis dato völlig unbekannten Person, kund tue, dass ich einen schlechten Tag habe? Dass ich schneller die Karte zücke, weil Jule mir durch eine von oben angeordnete Frage stante pede nah ist? Dass ich mich, weil ich mich anduzen lasse, als Teil des megahippen Unternehmens wähne?

Jule hat mich danach beim Kauf einer super sitzenden Leggings beraten. Wiederkommen würde ich, um mir eine weitere Leggings zuzulegen und vor allem: weil Jule mich so emphatisch durch meinem Schrecken begleitet hat. Weil sie eine gute Verkäuferin ist und dabei persönliche Nähe hergestellt hat. Das, liebes Unternehmen, hat den echten Mehrwert geschaffen und Kundenbindung aufgebaut. Ein Hoch auf Ihre einfühlsame Mitarbeiterin!

 

Fürs runterduzen bin ich zu zickig

Duzen bedeutet nicht immer Bullerbü. Eine heile Welt von Gleichen unter Gleichen. Ich (alt, steif und scheintot, weil siezend) sieze auch noch, wenn ich in Berlin S-Bahn fahre und mit einem Wegbier trinkenden Mitfahrer übers offene Fenster streite. Auch dann mach ich mich nicht locker. Fürs abfällige runterduzen: „Pass mal auf, Alter, dass Du Dir nicht gleich eine fängst!“ bin ich einfach zu zickig.

 

Deutsche Sprache, besondere Sprache 

Es gibt Länder, deren Sprachkultur nur das Du kennt. Darauf beruft sich auch IKEA. Es erklärt das ankumpeln über seinen schwedischen Background: „Das Duzen auf allen Ebenen ist keine Erfindung von Ikea und kein aufgesetztes Sprachsystem - es ist einfach nur schwedisch.“

Das macht’s einfacher, mehr aber auch nicht. Die deutsche Sprache kann mehr. Sie kann differenzieren. Wir können unsere Anrede genau an den Mensch, an das jeweilige Verhältnis und die Situation anpassen. 

Ich bin ein großer Island-Fan. Erinnern Sie sich noch an die EM 2016? Wie die isländischen Fußballer mit Power-Posing und Wikinger-Huh die Fans in Rage klatschten? Die Isländer sind ein winziges, wachsames und reinliches Volk. Einerseits wachen sie wie die Luchse über die Sauberkeit ihrer Insel und andererseits über die Reinheit ihrer Sprache. Um ihre Sprache zu erhalten, putzen sie das Isländisch und entfernen fremde Einflüsse. Sie werfen Lehnwörter raus, wie die allseits beliebten Anglizismen, die auch das Deutsch bevölkern. Warum Sie das tun? Die Isländer lieben ihre Sprache außerordentlich, für sie ist die Sprache Teil ihrer nationalen Identität.

Das Deutsch ist eine wunderbare Sprache mit einem Riesenwortschatz. Sie hat unzählige Kombinationsmöglichkeiten.

Liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie uns unsere besondere Sprache ebenfalls hegen und pflegen. Ihren Reichtum erhalten. Bewahren, dass wir "Du" und "Sie" differenzieren können, und nicht - weil es alles so einfach macht oder weil wir so jung, dynamisch und möchtegernhip sind - die Möglichkeit über Bord werfen.

 

1 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Angélique Menjivar de Paz |

Hallo liebe Frau Schürmann, obwohl wir (glaube ich) tatsächlich schon beim "Du" waren, möchte ich in Anlehnung an das Thema, heute sehr gerne beim "Sie" bleiben. Zunächst einmal, danke ich Ihnen von ganzem Herzen für das Aufgreifen dieser unsäglichen Unart, ungefragt und überall geduzt zu werden. Nicht erst seitdem ich 50 und somit ebenfalls uralt bin, sträubt sich alles in mir, das Du zu "erhalten" oder zu "geben". Ich finde es auch nicht besonders angenehm für die andere Person, wenn ich dann konsequent sieze, aber ich mache es. Meistens jedenfalls. Zukünftig werde ich noch aufmerksamer durch die Welt gehen. Und dann werde ich auch mal nachfragen. Wieso, weshalb warum...;-)! Alles Liebe!

Antwort von Birgit Schürmann

Liebe Frau Menjivar de Paz, vielen Dank für Ihren Kommentar und herzlichste Grüße zurück!