von Birgit Schürmann
Die Zukunft der Rhetorik im Zeitalter von KI
Wie gestaltet die künstliche Intelligenz die Bühne um?
Wie müssen wir unsere Inhalte, Sprache und Dramaturgie anpassen, um gehört zu werden?
1. Radikale Relevanz statt langes Vorgeplänkel
Unser Publikum spekuliert auf den nächsten Schnitt oder den nächsten visuellen Reiz. Es bedeutet für uns: die Toleranz für schlechtes Licht, öde PowerPoints und langatmige Einleitungen ist rapide gesunken. Früher konnten wir uns ein paar Minuten Zeit lassen, um unser Publikum abzuholen, heute entscheidet es in den ersten 5-10 Sekunden, ob es uns zuhört.
Dementsprechend: vermeiden Sie langsame Einstiege. Verzichten Sie auf langen Vorreden und meiden Sie Langatmiges: Ich erzähle erstmal etwas über mich. Fallen Sie mit der Tür ins Haus. Beschleunigen Ihre Kommunikation und starten dort, wo es am spannendsten ist. Starten Sie mit gleich mit Wirkung.
Mit einem kreativen Einstieg, einer steilen These, einer Provokation, einem lebendigen Dialog, einer spannenden Geschichte, einem Video. Da sind Ihre Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es gibt kein richtig und kein falsch, höchstens ein: ist spannender als.
Also statt beispielsweise zu starten mit:
Guten Tag, mein Name ist... und ich freue mich…
sagen Sie lieber sowas wie:
Stellen Sie sich vor, alles, was Sie über Kommunikation wissen, wäre ab morgen wertlos. Genau das passiert gerade.
2. Starke Bilder schlagen abstrakte Business-Floskeln
Unsere Sehgewohnheiten sind filmischer geworden, Wir sind jetzt schnelle Schnitte, klare Kontraste und starke Bilder gewöhnt.
Das bedeutet für uns: die abstrakte Business-Sprache verliert und die konkrete bildhafte Sprache gewinnt. Nutzen Sie visuelle Verben und Metaphern, die sofort Bilder erzeugen. Wenn Ihr Publikum das Gesagte vor dem inneren Auge sehen kann, bleibt die Aufmerksamkeit kleben – weit über die 5-Sekunden hinaus
Statt Formulierungen wie:
Wir müssen effizienter werden!
bringt Ihnen bildhafte Sprache wesentlich mehr:
Wir verbrennen jeden Tag Stunden wie Papier im Kamin.
3. In Szenen sprechen
Unsere Zuschauenden haben sich an die Länge von Clips gewöhnt. Das bedeutet für uns:
- Strukturieren Sie modular
- Werden Sie zum Drehbuchautor für die Augen
- Denken Sie wie eine Regisseurin, ein Regisseur.
Statt 20 Minuten langer, gleichförmiger Erklärbär-Blöcke:
- Arbeiten Sie mit kurzen, prägnanten Einheiten
- Länge ca. 2-7 Minuten, optimal 2-5 Minuten
- Enden Sie mit klaren Mini-Cliff-Hängern.
4. Wechselnde Emotionen statt Fakten-Wüste
Die Dramaturgie eines modernen James-Bond Films macht es uns vor: Der Schnitt setzt auf wechselnde Emotionen, auf harte Kontraste.
Actionreiche Szenen? Oh ja, aber niemals zwei hintereinander.
Nein, erst wird ein witziger kollegialer Schlagabtausch dazwischen geschnitten, ein exotisches Land wird bereist, es prickelt mit einem Bond-Girl, eine schmerzhafte Kindheitserinnerung ploppt auf, James Bond wird von seiner Chefin gepiesackt, ein kurzer Exkurs über sein technisches Equipment und erst dann geht seine Jagd weiter.
Damit wir dran bleiben, um unsere Aufmerksamkeitsspanne zu bedienen, wirft man uns Zuschauende in die unterschiedlichsten Emotionen. Jede kurze Szene hat ihren eigenen Spannungsbogen und hinterlässt einen Cliff-Hänger.
Übersetzt bedeutet es für Ihre Präsentationen, auch von Zahlen-Junkies: klare Gedankenblöcke. Kurze prägnante Einheiten mit unterschiedlichen Tempi. Wechseln Sie Fakten mit Storytelling ab. Lassen Sie Ihren Beispielen eine persönliche Anekdote folgen, um danach komplexe Inhalte vorzustellen.
5. Wenn der Algorithmus die Rede schreibt: Die Gefahr der perfekten Langeweile
KI-Tools können Reden strukturieren, Metaphern finden und Fakten checken. Sie können perfekte Texte schreiben, strukturierte Argumente liefern und fehlerfrei formulieren. Sie können großartiges Design liefern, Bilder generieren, phantasievolle Folien und Diagramme entwerfen.
Künstliche Intelligenz verändert die Messlatte, der Durchschnitt ist ab jetzt automatisierbar.
Das ist einerseits ein Segen, birgt aber andererseits die Falle des rhetorischen Einheitsbreis. Wenn alle denselben Algorithmus nutzen, klingen dementsprechend die Reden gleich perfekt und werden sterbenslangweilig.
6. Kuratieren statt Informieren
In Zeiten von künstlicher Intelligenz werden Informationen zur billigen Ware. Sie werden abgewertet, weil sich jeder blitzschnell die nötigen Infos in welcher Form auch immer besorgen kann.
Da Informationen überall kostenlos verfügbar sind, kommt Ihr Publikum nicht mehr für Ihre Fakten, sondern für Ihre Einordnung und Vermittlung. Verstehen Sie sich nicht als wandelndes Wikipedia-Lexikon, sondern als Kurator, als Kuratorin.
Bemühen Sie sich um mehr Relevanz bzw. den direkten Nutzen für Ihr Publikum. Wo drückt der Schuh? Womit retten Sie Ihr Publikum? Welches Problem Ihrer Zielgruppe lösen Sie? Streichen Sie alles, was nicht direkt den Schmerzpunkt oder die Neugier Ihres Publikums bedient.
7. Mut zur Lücke: Wieso unperfekte Auftritte gegen fehlerfreie KI gewinnen
Je mehr KI-Inhalte uns fluten, desto hungriger werden wir nach Echtem. Nach Unperfektem. Neudeutsch formuliert: nach Haltung. Umso sehen wir uns danach, unserem Gegenüber zu vertrauen.
Im Gegensatz zur KI sind wir Menschen Originale. Und genau das gilt es zu betonen.
Ein unperfekter, aber hochgradig präsenter Redner wirkt vertrauenswürdiger als eine glattgebügelte Präsentation. Unser Publikum will einen Menschen auf der Bühne sehen und begreifen. Einen Menschen mit Ecken und Kanten, mit Schwächen und Menschlichem. Sie wollen jemanden sehen, der leidenschaftlich ist, beseelt von seinem oder ihrem Inhalt.
Und ja, das war schon immer so. Aber in Zeiten von KI wird es wichtiger denn je, dass wir, die wir Inhalte präsentieren, eine menschliche Verbindung herstellen. Eine echte Verbindung. Dass wir den Unterschied zu Technik klarstellen. Sozusagen Rhetorik humanisieren.
Denn KI hat im Gegensatz zu uns keine echten Erfahrungen. Dementsprechend auch keine Narben. KI zeigt keine echte Begeisterung, schämt sich nie und ist nie megapeinlich. KI war noch nie pleite, war noch nie verzweifelt am Boden und noch nie als Teenie schwanger. KI hat kein Unternehmen in den Sand gesetzt, geschweige denn ein Ehe an die Wand gefahren.
Mein Fazit: Wenn Sie KI nutzen, dann als Fundament, um Ihre Struktur zu schärfen, aber niemals als Charakter.
In einer Welt voller perfekter Inhalte gewinnt nicht der fehlerfreie Redner, sondern der spürbare Mensch. KI kennt keine Abstürze - wir schon. Und genau das verbindet uns.
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