Comic zur Rhetorik des Scheiterns & Humblebragging von Keynote-Speakerin Birgit Schürmann: Ein Redner inszeniert auf einer Bühne scheinbaren Misserfolg zur Selbstdarstellung, während das Publikum im Saal skeptisch reagiert.

von Birgit Schürmann

Die Rhetorik des Scheiterns

Wir alle kennen sie: LinkedIn-Posts, CEO-Statements oder TED-Talks, in denen Führungskräfte, Rednerinnen und Influencer scheinbar mutig über ihre Fehler sprechen. Es soll nahbar wirken, sympathisch, echt. Doch beim Lesen oder Zuhören bleibt oft ein fader Beigeschmack. Wir fragen uns: Worum geht es hier eigentlich? Um die Erkenntnisse der Person oder um ihr Ego?

Warum wirken manche Fehlergeständnisse sympathisch und andere wie schlecht getarnte PR? 

Dahinter steckt ein grundlegendes Dilemma: Wer beim Meeting ausführlich von seinen Heldentaten berichtet, erntet Augenrollen.Trotzdem gilt das unausgesprochene Gesetz der Arbeitswelt: Wer sich nicht verkaufen kann, wird runtergestuft.

Zu viel Understatement kostet Sichtbarkeit, zu viel Eigenlob stinkt ja.

 

Wenn Bescheidenheit zur Bühnenshow wird

Genau in diese Lücke stößt eine Strategie, die auf den ersten Blick clever wirkt: das Humblebragging. Die goldene Mitte. Bescheidenheit und Jubelmeldung in einem Satz zu verpacken, scheinbar ohne plump anzugeben. Es ist der Versuch, die Sympathie-Punkte des Understatements mit der Reichweite des Selbstlobs zu kreuzen.

Das Problem: Ihr Publikum merkt es trotzdem.

Humblebragging und Verletzlichkeits-Theater. Beides sind Phänome der Selbstinszenierung und Selbstbeweihräucherung, die besonders in der digitalen Öffentlichkeit, in CEO-Statements, in LinkedIn-Posts und auf TED-Bühnen zu beobachten sind. Aus dem Munde von mitteilsamen Influencern, CEOs und Führungskräften. 

Gewürzt mit einer Prise Ironie und einer Spur Witzelei wirkt die falsche Bescheidenheit noch unverfänglicher.

Ich bin überwältigt – schon wieder wurde ich als Top Voice ausgezeichnet. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles managen soll....

Gerade hat mich ein weiteres Unternehmen für einen Vortrag angefragt. Ehrlich gesagt fehlt mir die Zeit, aber wie sagt man da Nein?

Ich hasse es, wenn Leute mich nach dem Vortrag ansprechen und sagen, ich hätte ihr Leben verändert. So ein Druck für den nächsten Vortrag....

 

Warum Humblebragging als Vortragseinstieg nach hinten losgeht

Grade zu Beginn infizieren sich viele Vorträge mit dem gefährlichen Virus. Viele Motivationsrednerinnen versuchen mit der neuen Variante der Aufschneiderei zu starten und inszenieren Ihr Scheitern als notwendiges Accessoire vor dem garantierten Riesenerfolg.

Drei Wege, wie es schiefgeht:

 

1. CEO Markus und die Bürde des Erfolgs

Guten Morgen allerseits! Schön, dass Sie alle da sind. Ich muss ehrlich sein: Ich bin heute ein bisschen müde. Als ich gestern Abend in der First Class aus New York zurückgeflogen bin – ich musste dort kurzfristig ein paar DAX-Vorstände beraten, völlig verrückt –, habe ich im Flugzeug einfach kein Auge zugetan.

Und wissen Sie, warum? Weil ich mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen habe, ob ich mein Team zu Hause genug wertschätze. Ich meine, wir haben gerade den Umsatz verdreifacht und die Presse überschlägt sich, aber ich dachte mir nur: Mensch, Markus, bist du eigentlich noch demütig genug?

Genau darum soll es heute gehen: Wie wir trotz des ganz normalen Wahnsinns des Erfolgs am Boden bleiben und unsere innere Mitte finden…

 

2. Markus' Perfektionsbluff

Evergreen: Ich habe damals das Projekt komplett in den Sand gesetzt, aber dadurch habe ich gelernt, dass ich einfach ein unverbesserlicher Perfektionist bin.

Besser: Wir haben die Deadline gerissen, weil ich die Kapazitäten falsch eingeschätzt habe. Das war ein teurer Fehler.

 

3. Markus sein Luxus-Drama 

Wenn es ums Thema Pleitegehen und danach super Erfolg haben geht, driften manche Motivationsredner extrem schnell ins Narrativ vom Tellerwäscher zum Millionär ab, ein ganz typisches Muster der Heldenreise.

Im kommenden Beispiel von Markus liegt die Betonung auf: Ich war ganz unten, aber weil ich so ein Genie bin, habe ich mich alleine gerettet:

Hallo zusammen! Wenn ich in die Runde schaue, sehe ich so viel Potenzial. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn alles weg bricht. 2018 stand ich vor dem Nichts. Meine erste Agentur ging pleite. Ich musste mein Penthouse in München verkaufen und meinen Porsche abgeben – glauben Sie mir, das bricht einem das Herz. Ich saß da in einer stinknormalen Dreizimmerwohnung, lebte von lächerlichen 3.000 Euro im Monat und dachte: ‚Das war's.‘

Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich habe mein Mindset geshiftet. Ich habe mir gesagt: Markus, dein Talent kann dir keiner nehmen.‘ Und boom – zwei Jahre später hatte ich mein neues Tech-Startup an der Börse.

Heute zeige ich Ihnen, wie auch Sie diese unbändige Löwen-Mentalität entwickeln, die mich damals gerettet hat...

 

So nutzen Sie die Heldenreise ohne Ego-Trip

Ein schmaler Grat. Wie sprechen Sie in Ihrem Vortrag über eigene Fehler und schaffen dabei eine echte Verbindung zu Ihrem Publikum?

Wenn Sie Ihren Erfolg erwähnen wollen, um Relevanz zu beweisen (muss manchmal sein, mein okay haben Sie), dann direkt und ungeschönt:

Wir haben letztes Jahr unseren Umsatz verdreifacht. Und wissen Sie was? Ich war danach so gestresst und ausgebrannt, dass ich mein Team fast in den Ruin getrieben hätte. Heute möchte ich darüber sprechen, was ich aus diesem monumentalen Fehler gelernt habe.

Erwähnen Sie kurz den Erfolg bzw. die Fakten. Der Fokus liegt auf dem Scheitern, der Erkenntnis bzw. dem Lerneffekt; das wirkt menschlich und nahbar.

 

Wenn die Pleite nahbar macht

Eine Pleite funktioniert nur dann als Einstieg, wenn Sie sich dabei als Redner oder Rednerin verletzlich zeigen und Ihren Schmerz teilen. Dann können Sie auch tiefenentspannt Ihren Millionenumsatz erwähnen:

2018 habe ich meine erste Firma gegen die Wand gefahren. Pleite. Das Schlimmste war nicht das fehlende Geld. Das Schlimmste war der Moment, als ich meinen 15 Mitarbeitern sagen musste, dass sie ab nächstem Monat ihre Familien nicht mehr ernähren können, weil ich mich verkalkuliert hatte. Ich habe mich geschämt, wochenlang nicht geschlafen.

Heute führen wir ein neues Unternehmen mit 100 Mitarbeitern und Millionenumsatz. Aber nicht, weil ich ein Magier bin. Sondern weil mich diese Pleite eine Sache gelehrt hat, die ich vorher vor lauter Ego übersehen habe: Wie wichtig radikale Transparenz im Team ist. Und genau diesen Lerneffekt möchte ich heute mit Ihnen teilen.

Mit dieser Variante zeigen Sie Verantwortung für Menschen. Ihre echte Scham und konkrete Erkenntnis berührt. Ihr späterer Erfolg dient nur als Beweis, dass das Gelernte funktioniert hat – nicht als Ego-Booster.

 

Ist das noch Verletzlichkeit oder schon Dramaturgie?

Zu guter Letzt wäre da noch das „Vulnerability Theater“ (auch LinkedIn Tränen genannt). Wenn Menschen – insbesondere Führungskräfte, Influencer oder Personen des öffentlichen Lebens – Schwäche, Fehler oder Emotionen inszenieren, um nahbar, authentisch oder sympathisch zu wirken.

Die kein echtes Risiko birgt, weil Sie etwas preisgeben, sondern rein dem Imageaufbau dient.

Woran erkennen Sie das Verletzlichkeitstheater? Hier ein typisches Beispiel aus der Business- und Social-Media-Welt:

Eine Unternehmerin oder ein Manager postet ein professionelles Foto, auf dem sie nachdenklich aus dem Fenster blickt. Dazu ein langer Text:

  • Headline: Ich bin gescheitert. Und das ist das Beste, was mir je passiert ist.
  • Der Inhalt: Sie erzählt, wie sie vor drei Jahren ein Projekt komplett an die Wand gefahren hat. Schlaflose Nächte, Tränen und das Gefühl der totalen Überforderung.
  • Die Wendung: Nach zwei Absätzen des Leidens folgt dann der Schwenk: Aber durch diesen Fehler habe ich gelernt, mein Team neu aufzustellen. Heute machen wir mit genau dieser Strategie 200 % mehr Umsatz und ich wurde gerade als Keynote-Speakerin eingeladen.

 

Der Unterschied liegt im Risiko

Echte Verletzlichkeit schafft echte Verbindung. Vulnerability Theater hingegen ist PR im Kostüm der Authentizität. Das  Werkzeug der Nahbarkeit wird genutzt, um eigentlich Applaus für die eigene Resilienz zu ernten.

Zurück ins Meeting.

Die Kollegin, die sagt: Das habe ich falsch eingeschätzt und einfach weiterspricht, erntet kein Augenrollen. Die Führungskraft, die anruft und sagt: Das hätte ich anders entscheiden sollen, auch nicht. Sie ernten keine Bühne. Sie ernten Vertrauen. 

Wer wirklich aufrichtig ist, braucht keine Bühne. Nur Inszenierung braucht eine.

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