Die Mär vom authentischen Präsentieren

von Birgit Schürmann

Die Mär vom authentischen Präsentieren

Harald Schmidt sagte mal: Authentizität ist doch ein Schimpfwort! Man darf die Leute nicht mit so was wie Authentizität belasten, das will doch niemand haben!

 

Wie viel Authentizität kann ich anderen zumuten?

Der Schauspieler Gerd Voss sagte dazu: „Man hat für sich eine Figur entworfen, die man überall hinschicken kann und als diese Figur kommt man gut durch den Tag“.

Ich finde, das trifft das Thema „authentisch sein“ ganz gut. Wir bemühen uns, bei unserem Auftritt und vielleicht auch im Leben so authentisch wie möglich zu wirken - aber letztendlich spielen wir eine Rolle. Wie im Theater. Instinktiv denken wir darüber nach, wie wir wahrgenommen werden wollen. Und entwerfen dementsprechend unser Bild.

Für Ihre Präsentation ist das schon sinnvoll: Denn will ich als Zuschauer wissen, wie es dem Redner wirklich geht? Wie viel Authentizität kann ich als Vortragender meinen Zuschauern zumuten?

Wie fänden Sie das, wenn Ihr Chef seine nächste Rede mit den Worten beginnen würde: „Heute habe ich echt keinen Bock, eine Rede zu halten, denn ich kann mir ja hier den Mund fusselig reden, Sie machen eh, was sie wollen!“?

 

Kinder und Tiere stehlen die Show

Im Theater gibt es eine Regel, die besagt: Kinder und Tiere stehlen auf der Bühne allen anderen die Show. Und haben daher auf der Bühne nichts zu suchen. Um dem Schauspieler, der sich seine Schauspielkunst vielleicht hart erarbeitet hat, nicht zu schaden.

Das heißt, wenn Sie neben einem zuckersüßen Kind oder einer hinreißenden Promenadenmischung auf der Bühne stehen, verlieren Sie alle Blicke an die kleinen Konkurrenten. Warum ist das so? Kleine Kinder und Tiere verstellen sich nicht. Sie überlegen sich nicht, wie sie in die Gesamtinszenierung passen. Das ist ihnen völlig schnuppe. Sie sind im hier und jetzt und machen sich keinen Kopf darüber, wie sie wirken.

Sie bewerten sich nicht - sie sind.

Sie wirken allein durch ihre Präsenz. Es kann immer passieren, dass sie plötzlich etwas tun, was so nicht geprobt wurde. Da sollte man als Mitspieler improvisieren können, sonst darf man daneben sehr schnell einpacken. Der Zustand von Kind und Hund ist authentisch.

Sobald ein Kind in das Alter kommt, in dem es sich reflektiert, verliert es seine Auftrittsnaivität. Und entwickelt eine Kunstfigur.

 

Wenn die Kunstfigur täuschend echt wirkt

Harald Schmidt zum Beispiel hat seine Kunstfigur sehr nah an seiner Persönlichkeit angelegt. Diese wirkt rundum stimmig. Er lässt uns vermuten, dass er wirklich so ist, wie er sich zeigt - weil er so natürlich rüberkommt. Er orientiert sich daran, was gut bei seinem Publikum ankommt. So hat er seine Kunstfigur im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt.

Er lässt uns aber nicht dabei zugucken, wie er privat ist.

Wenn ein Regisseur zu einem Schauspieler sagt: „Beim Hamlet - Monolog warst Du privat!“ ist das kein gutes Omen. Das heißt soviel wie: Du warst so wie immer - wie bei einem gemeinsamen Bier in der Kantine. Es fehlte die richtige Körperspannung, Du hast zu wenig Energie ausgestrahlt oder hast Deiner Hamletfigur keine Form gegeben.

 

Authentizität wird verwechselt

Oft heißt es: „Der Vortragende überzeugte mit seiner Authentizität“.

Das stimmt so nicht und wird leider verwechselt.

Auch wenn Seminare mit dem Titel „Authentisches Auftreten“ angeboten werden: Kein Zuschauer will einen Redner auf der Bühne sehen, der privat ist und spannungslos wirkt. Wir wollen eine Performance erleben und keine Person, die grad das tut, wonach ihr eigentlich ist.

 

Zeig Dich!

Wir Zuschauer wollen eine Kunstfigur erleben, die so natürlich wie möglich rüberkommt. Die uns mit ihrer Persönlichkeit berührt. Die lebendig und leidenschaftlich wirkt und uns mit Ihrer Begeisterung ansteckt.

Die Präsentation und der Redner sollen stimmig erscheinen: Wenn eine zurückhaltende Persönlichkeit auf der Bühne steht, wollen die Zuschauer kein Nachahmung eines extrovertierten Bühnentieres sehen.

Wir wollen niemanden, der stereotyp Infos und Wissen runterleiern - weil eine wirkungsvolle Persönlichkeit das ist, was uns fesselt. Alles in allem: Sie sollen bei Ihrem Auftritt authentisch wirken - nicht sein!

 

Praxistipp 1: Entwickeln Sie eine Kunstfigur!

Legen Sie Ihre Kunstfigur so nah wie möglich an Ihrer Persönlichkeit an. Lassen Sie Ihre Figur so natürlich wie möglich sprechen. Sein Sie sich darüber bewusst, dass Sie eine Rolle annehmen. Und dass jede Rolle andere Erwartungen erfüllen soll und andere Grenzen hat.

 

Praxistipp 2: Überprüfen Sie Ihre Wirkung!

Auch wenn Ihnen ein Vorbild noch so imponiert - ahmen Sie es nicht nach, sondern lassen Sie sich inspirieren. Und kreieren Sie Ihre eigene Kunstfigur. Überprüfen Sie, was ankommt. Alles, was dem widerspricht, werfen Sie in die Tonne.

 

Praxistipp 3: Raus mit den alten Stärken!

Bestücken Sie Ihre Kunstfigur mit Ihren persönlichen Stärken. Was ist an Ihnen besonders? Können Sie etwas, was sonst niemand kann? Vielleicht etwas, von dem Sie sich nicht vorstellen konnten, dass es auf einer Bühne Platz hat?

Der Redner Bernhard Wolff baut seinen Vortrag darauf auf, dass er rückwärts spricht. Auch wenn Sie jetzt denken: Mensch, Frau Schürmann, meine Präsentation ist eine Fachvortrag! will ich Sie dazu animieren, alles, was Sie je gelernt haben, zu überprüfen.

Vielleicht befindet sich darunter etwas, von dem Sie im Leben nicht gedacht hätten, dass man damit vor einem Publikum punkten kann!

 

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